Das Ereignis: Wenn Sein geschieht

Ein EarthwormExpress Special
von Eben van Tonder

Einleitung

Martin Heidegger (1889–1976) war einer der tiefgreifendsten Denker des 20. Jahrhunderts. Geboren in Messkirch, Baden, begann er als Theologe, wandte sich (turned himself)  jedoch (however/ but) bald der Philosophie zu. Sein gesamtes Denken kreiste um eine einzige Frage:
Was heißt es, daß etwas ist? — die Frage nach dem Sein selbst.

Mit Sein und Zeit (1927) revolutionierte er die Philosophie. Er zeigte, daß das Sein nicht eine Eigenschaft von Dingen ist, sondern (maar/ inteendeel) die Weise (die wyse), in der uns Welt begegnet (teekom/ verskyn) und wir selbst in ihr anwesend sind. Doch Heidegger ging weiter: In seinen späteren Schriften löste er sich von der traditionellen Metaphysik und suchte ein Denken, das nicht über das Sein redet, sondern im Erfahren des Seins verweilt.

In diesem späten Denken taucht ein Schlüsselwort auf: das Ereignis.
Es kommt vom Verb sich ereignen – etwas, das geschieht –, doch Heidegger gibt ihm eine neue Bedeutung. Das Ereignis ist das Geschehen, in dem Mensch und Sein einander zueignen, einander zugehören. Es ist das Sich-Zeigen des Seins, die ursprüngliche Offenbarung, durch die Welt und Bewusstsein überhaupt erst möglich werden.

Er schreibt:

„Das Ereignis ist nicht ein Geschehen unter anderen, sondern das Geschehen schlechthin.“

Damit meint Heidegger: Das Ereignis ist nicht eine Begebenheit in der Zeit, sondern das Grundgeschehen, das alles Zeitliche trägt. Wahrheit ist kein Besitz, sondern ein Sich-Ereignen — ein Sich-Zeigen.

Zentral in diesem Denken ist die Sprache. „Sprache ist das Haus des Seins,“ sagt Heidegger. Nur im Sprechen, im poetischen und denkenden Umgang mit Worten, ereignet sich das Sein. Darum wendet er sich den Dichtern zu — vor allem Hölderlin, Rilke und Trakl —, denn sie sind für ihn die, in deren Wort das Sein geschieht.


Das Denken des Ereignisses

In Heideggers Spätwerk Vom Ereignis (1962–64) entfaltet sich eine neue Weise des Denkens — kein analytisches Denken mehr, sondern ein hörendes, wartendes Denken. Er schreibt:

„Das Denken ist das Dankende im Ereignis.“

Denken ist hier nicht Berechnung, sondern Danksagung. Es ist die Haltung des Empfangens — ein Sich-Fügen in das, was sich zeigt.

Weiter sagt er:

„Das Ereignis ereignet den Menschen in sein Da-sein.“
Das Ereignis ruft den Menschen in sein Hier-Sein, in die Offenheit, in der er Welt erfährt.

Hier wird deutlich: Der Mensch ist nicht Schöpfer der Welt, sondern Mitspieler in einem größeren Offenbarungsgeschehen. Im Ereignis wird er selbst zu dem, was er ist: der, der das Sein vernimmt.

In einem anderen Satz fasst Heidegger zusammen:

„Im Ereignis west das Sein als das Zueinandergehören von Mensch und Welt.“

Das Ereignis ist also nicht etwas, das uns widerfährt, sondern etwas, das uns miteinander verbindet — es ist das Raumwerden des Zwischen, in dem Mensch und Welt sich begegnen.

Schließlich nennt er das Ereignis die „Heimkehr des Menschen in die Wahrheit des Seins“.

„Das Ereignis ist die Heimkehr des Menschen in die Wahrheit des Seins.“

Damit wird das Ereignis zum spirituellen Begriff: Es ist die Rückkehr in die ursprüngliche Zugehörigkeit, die längst da ist, bevor wir sie bemerken.


Sprache als Ort des Ereignisses

„Sprache ist das Haus des Seins.“ Dieser Satz ist vielleicht Heideggers berühmtester. Er meint: Nur indem wir sprechen und hören, wohnt das Sein in der Welt. Die Sprache ist kein Werkzeug — sie ist der Raum, in dem sich Welt zeigt.

Er schreibt:

„Im Wohnen des Menschen in der Sprache ereignet sich das Sein.“

In der Dichtung, in der Musik der Worte, kommt das Sein zu sich selbst. Hier geschieht das Ereignis am reinsten — im poetischen Wort, das nicht erklärt, sondern offenbart.

Darum liest Heidegger Rilke, Hölderlin und Trakl nicht als Literaten, sondern als Zeugen des Seins. Sie sagen nicht über das Sein, sie lassen es sprechen.


Rilke und das poetische Ereignis

Rainer Maria Rilke (1875–1926) hat nie den Begriff Ereignis verwendet, doch sein Werk ist erfüllt von dem, was Heidegger später so nennen wird. In Rilkes Dichtung ist das Sein nicht eine Idee, sondern eine Erfahrung — das plötzliche Aufleuchten der Welt in ihrer Wahrheit.

In der ersten der Duineser Elegien ruft er:

„Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“

Hier geschieht das Ereignis im Ruf selbst — im Versuch, gehört zu werden. Sprache wird Offenbarung, auch wenn keine Antwort kommt.

In den Sonetten an Orpheus wird das Ereignis zur schöpferischen Bewegung des Wortes:

„Singe, du unendliche Spur, du Seele der Töne, singe.“
Das Singen selbst wird zum Ort des Seins. Das Lied ist Offenbarung.

Und im berühmten Archaïscher Torso Apollos spricht das Ereignis aus der Kunst:

„Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Hier geschieht das Sein durch die Begegnung mit dem Kunstwerk. Etwas im Menschen wird getroffen, verwandelt — das ist das Ereignis selbst: der Moment, in dem Welt und Bewusstsein sich gegenseitig erhellen.

Rilke formuliert auch das Wesen des Daseins in einem Satz, der Heideggers Denken vorwegnimmt:

„Hiersein ist herrlich.“

Das Hiersein, das reine Dasein im Jetzt, ist das Wunder des Seins — das stille Ereignis der Anwesenheit.


Das Ereignis und die Arbeit

Für Heidegger ist das Ereignis nicht auf Philosophie beschränkt. Es betrifft jede Form des Tuns, auch das Handwerk, die Technik, die Arbeit. Wenn der Mensch arbeitet, ohne den Sinn des Werkzeugs zu vergessen, wenn er achtsam mit dem Material umgeht, dann geschieht das Ereignis im Tun selbst.

Arbeit wird heilig, wenn sie nicht bloß Mittel zum Zweck ist, sondern Teil eines größeren Geschehens — der Offenbarung des Seins in der Welt.
So wie der Schmied im alten Dorf den Stahl ehrte, bevor er ihn schlug, oder wie der japanische Arbeiter in der Fabrik seine Maschine reinigt, bevor er sie startet, geschieht auch dort das Ereignis: Das Sein zeigt sich im Respekt, in der Sorgfalt, in der Ordnung.

In dieser Haltung liegt die Verbindung von Heideggers Denken und der industriellen Ethik, die EarthwormExpress erforscht: Die Fabrik als Ort der Offenbarung, die Arbeit als Form des Daseins, das Werkzeug als Träger des Sinns.


Schluß

Das Ereignis ist nicht Vergangenheit und nicht Zukunft. Es ist das Jetzt, in dem Sein geschieht — die stille Bewegung, durch die Welt und Mensch sich begegnen.

Rilke hat es gespürt, Heidegger hat es gedacht, und der Arbeiter auf der Fabrikbank erfährt es, wenn er seine Werkzeuge ordnet, die Maschine achtet, das Licht auf dem Metall bemerkt.

Das Ereignis ist überall dort, wo Bewusstsein und Welt sich gegenseitig erkennen — wo das Tun, das Denken und das Sprechen zu einem werden.

Es ist das, was bleibt, wenn alles Überflüssige fällt.
Es ist das, was geschieht, wenn Sein geschieht.


Quellen:

  • Heidegger, M. (1962–64). Vom Ereignis. Frankfurt a.M.: Klostermann.
  • Heidegger, M. (1959). Unterwegs zur Sprache. Neske Verlag.
  • Heidegger, M. (1954). Vorträge und Aufsätze. Neske Verlag.
  • Rilke, R.M. (1923). Duineser Elegien. Leipzig: Insel Verlag.
  • Rilke, R.M. (1922). Sonette an Orpheus. Leipzig: Insel Verlag.
  • Gadamer, H.-G. (1970). Heidegger und die Sprache der Dichtung. Tübingen: Mohr Siebeck.

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