Von Eben van Tonder, 7. Oktober 2025
Einführung
Am 6. Oktober 2025 wurde der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin an Mary E. Brunkow, Fred Ramsdell und Shimon Sakaguchi verliehen „für ihre grundlegenden Entdeckungen im Zusammenhang mit der peripheren Immuntoleranz.“ Ihre Arbeit zeigte, wie das Immunsystem durch regulatorische T-Zellen (Tregs) und den Master-Transkriptionsfaktor FOXP3 das Gleichgewicht aufrechterhält und verhindert, dass sich der Körper gegen sich selbst richtet.
Die diesjährige Auszeichnung ist nicht nur eine Geschichte der Immunologie. Sie gibt uns ein Gleichnis dafür, wie der Körper mit anderen potenziell gefährlichen, aber dennoch essenziellen Prozessen umgeht. Eine auffällige Parallele ergibt sich aus der Chemie von Nitrit und Stickstoffmonoxid (NO) in der menschlichen Physiologie. Beide betreffen lebenswichtige Substanzen, die, wenn sie unkontrolliert bleiben, Schaden anrichten können – und doch hat die Evolution regulatorische Mechanismen hervorgebracht, die das Gleichgewicht aktiv aufrechterhalten.
Periphere Toleranz: Die Nobel-Entdeckung
Shimon Sakaguchis Arbeit in den 1990er-Jahren lieferte den ersten klaren Beweis dafür, dass eine Untergruppe von T-Zellen, später regulatorische T-Zellen genannt, übermäßige Immunreaktionen unterdrückt und Autoimmunität verhindert. Seine Erkenntnisse erklärten, wie das Immunsystem die sogenannte periphere Toleranz aufrechterhält, und zeigten, dass der Körper seine Abwehrkräfte gegen sich selbst richten kann, wenn diese Zellen fehlen.
Um dies zu verstehen, muss man den Thymus kennen. Der Thymus ist eine kleine Drüse im oberen Brustbereich, direkt hinter dem Brustbein, die bei Kindern besonders aktiv ist. Er funktioniert wie eine Schule für T-Zellen, weiße Blutkörperchen, die die Abwehrkräfte des Körpers steuern. Im Thymus werden unreife T-Zellen „trainiert“, um zu erkennen, was zum Körper gehört und was nicht. Diejenigen, die irrtümlich stark gegen körpereigene Gewebe reagieren, werden eliminiert, während die nützlichen ihren Abschluss machen und in den Blutkreislauf übergehen. Dieser Prozess wird zentrale Toleranz genannt.
Allerdings werden nicht alle selbstreaktiven T-Zellen im Thymus entfernt. Einige gelangen in die Zirkulation. Die periphere Toleranz ist die zweite Schutzschicht, die einsetzt, sobald T-Zellen den Thymus verlassen. Sie sorgt dafür, dass potenziell gefährliche T-Zellen in den Geweben und Lymphknoten des Körpers unter Kontrolle gehalten werden, sodass sie nicht die eigenen Zellen angreifen. Sakaguchi zeigte, dass Autoimmunerkrankungen entstehen, wenn die regulatorischen T-Zellen, die für diese Kontrolle verantwortlich sind, entfernt werden – ein Beweis für ihre zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Immunsystem. Hier liegt die Parallele zu unserem Interesse an Nitrit und Nitrat: Der Körper überlebt, indem er seine Systeme im Gleichgewicht hält.
Mary Brunkow und Fred Ramsdell, die anderen Nobelpreisträger, identifizierten FOXP3 als das Gen, das für die Entwicklung und Funktion regulatorischer T-Zellen erforderlich ist. Ohne dieses Gen entwickelten Mäuse eine tödliche Autoimmunerkrankung, die als „Scurfy“-Phänotyp bekannt ist, während beim Menschen das schwere Autoimmunleiden IPEX-Syndrom auftrat. Ihre Entdeckungen zeigten, dass das Immunsystem die Selbstzerstörung nicht dadurch vermeidet, dass es jede Gefahr ausschaltet, sondern indem es regulatorische Bremsen etabliert, die es ständig unter Kontrolle halten.
Nitrit und Stickstoffmonoxid: Ein paralleler Balanceakt
So wie autoreaktive T-Zellen zerstörerisch wirken können, stellen Nitrit und Stickstoffmonoxid ein Paradox dar.
Stickstoffmonoxid ist unverzichtbar: Es reguliert die Erweiterung von Blutgefäßen, die Neurotransmission und die Immunabwehr. Nitrit dient als Reservoir für NO, insbesondere unter Hypoxie, und trägt so zur Aufrechterhaltung lebenswichtiger Signalwege bei. Doch sowohl Nitrit als auch NO können schädliche Nebenprodukte erzeugen. Unter sauren Bedingungen kann Nitrit nitrosierende Agenzien bilden, die mit Aminen reagieren und Nitrosamine erzeugen, von denen viele krebserregend sind.
Auch hier gilt: Die Biologie verbannt Nitrit oder NO nicht. Sie sind zu wertvoll. Stattdessen baut sie ein regulatorisches Netzwerk auf, das ihre Risiken kontrolliert und gleichzeitig ihre Vorteile erhält.
Die Rolle der Ascorbinsäure beim Magenschutz und die essenzielle Natur des Nitrat-Nitrit-NO-Systems
Eines der klarsten Beispiele für diese Regulation findet im Magen statt.
Magensaft enthält beträchtliche Mengen an Ascorbinsäure, die aktiv von der Magenschleimhaut und den Speicheldrüsen sezerniert wird. Gelangt mit der Nahrung aufgenommenes Nitrit in den Magen, fängt Ascorbinsäure nitrosierende Zwischenprodukte ab und lenkt die Chemie weg von Nitrosaminen hin zu harmlosen NO. Das ist kein Zufall. Es handelt sich um einen gezielten Schutzmechanismus: Der Körper schickt Ascorbat aktiv in den Magen, um das Risiko zu neutralisieren.
Der Körper lässt den Magen in Bezug auf die Nitritchemie nicht ungeschützt. Vitamin C (Ascorbinsäure) wird nicht nur über die Nahrung aufgenommen, sondern auch aktiv an Orte mobilisiert, an denen es am dringendsten benötigt wird. Einer dieser Orte ist das Magenlumen, wo Nitrit aus dem Speichel auf saure Bedingungen und Amine aus der Nahrung trifft. Die Magenschleimhaut ist mit natriumabhängigen Vitamin-C-Transportern (SVCT1 und SVCT2) ausgestattet, die Ascorbat aus dem Blutplasma in den Magensaft überführen. Dies führt zu Ascorbinsäurekonzentrationen im Magensaft, die häufig höher sind als im Plasma, was zeigt, dass der Körper diese Grenzfläche bewusst als Verteidigungsbollwerk priorisiert.
Auch die Speicheldrüsen sezernieren Vitamin C und fügen eine weitere Schutzschicht hinzu. Wenn Nahrung und Speichel in den Magen gelangen, wird Nitrit von Ascorbat begleitet, das nitrosierende Zwischenprodukte abfängt und zu harmlosen Stickstoffmonoxid reduziert. Das ist kein passiver Zufall, sondern ein evolutiv herausgebildetes Gleichgewichtssystem: Dort, wo das Risiko der Nitrosaminbildung am größten ist, stellt der Körper sicher, dass ein Schutzmolekül vorhanden ist.
Tatsächlich gilt: Ist Vitamin C im Magen nicht bereits reichlich vorhanden, zieht der Körper aus den zirkulierenden Reserven und liefert es dorthin. Diese Mobilisierung veranschaulicht ein breiteres Prinzip, das sich auch im Immunsystem zeigt: Regulation ist aktiv und zielgerichtet, nicht zufällig. So wie regulatorische T-Zellen patrouillieren, um Autoimmunität zu unterdrücken, wird Ascorbat in den Magensaft ausgeschieden, um schädliche Chemie zu unterdrücken und sicherzustellen, dass lebenswichtige, aber potenziell gefährliche Prozesse in sichere physiologische Bahnen gelenkt werden.
Ist jedoch das gastrale Ascorbat durch eine mangelhafte Ernährung, eine Helicobacter pylori-Infektion oder eine atrophische Gastritis erschöpft, steigt das Risiko der Nitrosaminbildung. Das System ist schützend, aber nicht unfehlbar – so wie auch die Immunregulation versagen kann und Autoimmunität entsteht.
Schlussfolgerung
Der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2025 hebt ein universelles biologisches Prinzip hervor: Das Leben erhält sich nicht dadurch, dass es Gefahr beseitigt, sondern dadurch, dass es sie reguliert.
Regulatorische T-Zellen verhindern, dass das Immunsystem seinen Wirt zerstört.
Ascorbinsäure und antioxidative Systeme verhindern die Bildung von Nitrosaminen im Magen und lenken die Nitrit- und NO-Chemie in nützliche Bahnen.
Beide Fälle veranschaulichen, dass Homöostase kein passives Gleichgewicht ist, sondern eine aktive und vielschichtige Verteidigung. Manchmal läuft etwas schief – Autoimmunität flammt auf, Nitrosamine entgehen der Kontrolle – doch überwiegend funktioniert das System und ermöglicht es uns, in Harmonie mit biochemischen Kräften zu leben, die uns, wenn sie ungebändigt wären, verzehren würden.
In diesem Sinne sind die Nitrit- und NO-Physiologie sowie die Immuntoleranz Zwillingsgleichnisse biologischer Weisheit: Gefahr, die durch die Kunst der Regulation in Leben verwandelt wird.
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