Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht

Rainer Maria Rilke in seinem Arbeitszimmer, ca. 1905.

Rainer Maria Rilke, geboren 1875 in Prag, gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Werk bewegt sich zwischen sinnlicher Wahrnehmung und metaphysischer Suche, wobei Gott weniger als dogmatische Figur erscheint, sondern als etwas, dem sich die Seele durch gelebte Erfahrung annähert. Das Stunden-Buch wurde 1905 veröffentlicht und ist als eine Folge von Gebeten gestaltet, gesprochen von einem jungen russischen Mönch. Die Sammlung wurde geprägt durch Rilkes zwei Russlandreisen mit Lou Andreas-Salomé in den Jahren 1899 und 1900, auf denen er einer orthodoxen Spiritualität begegnete, die ihn nachhaltig beeinflusste.

Das folgende Gedicht ist Nummer 59 im ersten Teil der Sammlung, Vom mönchischen Leben. Darin spricht Gott zu jedem Menschen im Augenblick seiner Erschaffung und sendet ihn mit einer Art Auftrag in das Dasein hinaus. Die viel zitierten Zeilen über Schönheit und Schrecken stehen gegen Ende des Gedichts. Sie sind kein eigenständiger Aphorismus, sondern der Schluss einer längeren Anrede, in der der Mensch aufgefordert wird, das Leben in seiner ganzen Tiefe zuzulassen, offen zu bleiben für alle Erfahrung und dabei in Verbindung mit dem Göttlichen zu bleiben.

Originaltext aus Das Stunden-Buch, Erstes Buch, Vom mönchischen Leben, 1905:

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
daß ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand.