Reformationstheologie und Zunftrecht – die Geburt der Wiener Wurst

Von Eben & Kristi van Tonder, 3. Januar 2025

Illustratives Bild im Stil Wiener Zeitungsanzeigen des späten 19. Jahrhunderts

Einleitung

Die Entstehung der modernen Wiener Wurst ist untrennbar mit dem Leben von Johann Georg Lahner verbunden. Lahner verfeinerte nicht einfach nur Geschmack oder Textur. Er überschritt eine Grenze, die konzeptioneller, rechtlicher und moralischer Natur war. Seine Arbeit wurde erst möglich, weil er aus einer Gesellschaft, die Wahrheit als absolut und deklarativ behandelte, in eine Gesellschaft zog, die Wahrheit als symbolisch, vermittelt und vollzogen betrachtete.¹

Im achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert war die Lebensmittelproduktion in Mitteleuropa keine neutrale technische Tätigkeit. Fleisch unterlag moralischen Erwartungen, die in der Theologie verwurzelt waren und durch das bürgerliche Recht durchgesetzt wurden. Welche Zutaten kombiniert werden durften, was getrennt bleiben musste und was eine Täuschung darstellte, waren nicht primär Fragen der Chemie oder der Verbraucherpräferenz. Es waren die praktischen Konsequenzen konfessioneller Annahmen, die die Reformation und Gegenreformation überlebt hatten und in der städtischen Verwaltung verankert worden waren.²

Deshalb kann die Geschichte des Wieners (Wiener Würstchen) nicht auf Frankfurt und Wien als konkurrierende kulinarische Zentren reduziert werden. Sie muss als ein Zusammenprall erkenntnistheoretischer Systeme verstanden werden. Wie wirkt die Wahrheit in der Welt? Ist sie etwas, das mit vollkommener Klarheit verkündet werden muss, oder etwas, dem man durch Teilhabe und Symbolik begegnet? Diese Frage prägte erst die Kirchen, dann die Gesetze, dann die Zunftpraxis und schließlich die Würste.

Meine Auseinandersetzung mit diesem Problem begann in der Steiermark, wo katholische Kirchen noch immer eine räumliche Theologie verkörpern, die für eine sorgfältige Beobachtung lesbar bleibt. In diesen Gebäuden wird die Wahrheit nicht durch Erklärung eingeführt und dann durch Rituale bestätigt. Sie wird zuerst erfahren, durch Raum und Geste vollzogen und erst danach interpretiert. Diese Reihenfolge ist kein Zufall. Sie spiegelt eine tief verwurzelte Überzeugung über die Realität selbst wider.³

Katholische Erkenntnistheorie und der Vorrang des Mysteriums

Innenraum der Basilika Mariatrost, der die katholische Raumhierarchie zeigt: die Kanzel links positioniert, der Altar auf der zentralen Achse, und der Priester aus Sicht der Gemeinde rechts vom Altar stehend, wodurch der Vorrang des eucharistischen Zentrums gegenüber der gesprochenen Auslegung visuell hervorgehoben wird.

Das Innere der Basilika Mariatrost zeigt die katholische Raumhierarchie: Die Kanzel ist auf der linken Seite positioniert, der Altar besetzt die zentrale Achse, und der Priester steht aus der Sicht der Gemeinde rechts vom Altar. Dies verstärkt visuell den Vorrang des eucharistischen Zentrums gegenüber der gesprochenen Interpretation.

Die katholische Theologie beruht auf der Prämisse, dass die Wahrheit letztlich die menschliche Artikulation übersteigt. Die Sprache kann auf sie hindeuten, aber die Sprache erschöpft sie nicht. Diese Überzeugung drückt sich nicht nur in der Lehre, sondern auch in der Architektur aus. Der Altar nimmt das Zentrum der Kirche ein, weil er eine objektive Realität repräsentiert, die nicht von menschlichem Verständnis, Überzeugung oder Zustimmung abhängt.

Dieses Verständnis wird mit Präzision durch das Zweite Vatikanische Konzil artikuliert, das die Eucharistie in Lumen Gentium als „Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens“ beschreibt.⁴ Die Formulierung ist exakt. Quelle und Höhepunkt sind räumliche und strukturelle Begriffe. Die Eucharistie ist der Ursprung, von dem die Bedeutung ausgeht, und der Punkt, auf den sie ausgerichtet ist. Sie ist nicht ein Element unter vielen.

Die architektonischen Konsequenzen sind über Jahrhunderte hinweg konsistent. Der Altar ist feststehend, unbeweglich und visuell dominant. Er besetzt die zentrale Achse. Die Kanzel oder der Ambo hingegen ist erhöht, aber versetzt. Historisch gesehen ist sie an einem Pfeiler befestigt oder an einer Seite des Kirchenschiffs angebracht. Sie besetzt nicht das Zentrum, da es keinem menschlichen Interpreten gestattet ist, dort zu stehen, wo das Mysterium selbst steht.⁵

Diese Hierarchie bleibt auch nach der Liturgiereform des zwanzigsten Jahrhunderts bestehen. Die Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch betont die Würde und Dauerhaftigkeit des Ambos, während sie explizit den Vorrang des Altars bewahrt.⁶ Das Wort wird geehrt, doch die Interpretation bleibt dem Sakrament untergeordnet. Die katholische Erkenntnistheorie besteht daher auf einer Unterscheidung zwischen dauerhaften Symbolen und zeitgebundenen Erklärungen. Die Wahrheit ist stabil. Das menschliche Verständnis entwickelt sich um sie herum.

Diese Unterscheidung hat praktische Konsequenzen. Sie erlaubt eine Pluralität der Interpretation, ohne die Realität selbst zu destabilisieren. Sie akzeptiert, dass die menschliche Auseinandersetzung mit der Wahrheit vermittelt, partiell und historisch situiert ist. Wichtig ist, dass sie nicht verlangt, dass die Wahrheit erschöpfend transparent gemacht wird, um real zu sein.

Der reformierte Wandel hin zur deklarativen Wahrheit

Die Reformation führte zu einem entscheidenden Bruch mit diesem Verständnis. Unter dem Prinzip der Sola Scriptura (siehe meine Arbeit: Scholastic Reasoning and the Reformation: A Framework for Modern Investigative Approaches), wurde die Wahrheit von der sakramentalen Begegnung zur textlichen Verkündigung verlagert. Was zählte, war nicht mehr die Teilnahme am Mysterium, sondern das korrekte Verständnis offenbarter Sätze. Die Wahrheit wurde zu etwas, das klar ausgesprochen, deutlich gehört und intellektuell erfasst werden musste.⁷

Dieser Wandel beschränkte sich nicht auf die Theologie. Er gestaltete den Raum neu. In lutherischen und calvinistischen Kirchen in ganz Nordeuropa rückte die Kanzel ins Zentrum. In vielen Fällen wurde sie physisch mit dem Altar verschmolzen, was spätere Historiker als Kanzelaltar bezeichneten. In anderen Fällen wurde der Altar gänzlich entfernt. Die Predigt wurde zum Brennpunkt des Gebäudes, sowohl visuell als auch kognitiv.⁸

Martin Luther drückte die Logik dieser Neuausrichtung 1522 aus, als er schrieb, dass die Kirche kein Steinhaus, sondern ein Mundhaus sei.⁹ Dieser Satz kehrt in Luthers Predigten und Korrespondenz immer wieder zurück und wird häufig zitiert, weil er den erkenntnistheoretischen Kern der Reformation einfängt. Die Wahrheit liegt in der Verkündigung. Die Autorität liegt im Wort.

Wo der Katholizismus Mehrdeutigkeit und symbolische Dichte toleriert, forderte die Reformation idealistisch Klarheit und Lesbarkeit. Wo der Katholizismus akzeptiert, dass das Mysterium nicht vollständig in Sprache übersetzt werden kann, besteht die Reformation darauf, dass die Wahrheit ohne Rest ausgedrückt werden muss. Dieses Beharren blieb nicht innerhalb der Kirchenmauern. Es organisierte das bürgerliche Leben neu. Der Fall der Wiener Wurst wird zu einer kraftvollen Illustration dafür, wie Theologie das Alltagsleben prägt. Er zeigt, dass eine idealistische Sicht auf „Wahrheit“ als etwas, das vollständig und absolut in menschlicher Sprache eingefangen werden kann, letztlich ein Trugschluss ist und dass diese Annahme eher zu starren und unproduktiven Ergebnissen führt als zu praktikablen Realitäten.

Frankfurt und die Moralisierung des Handels

Frankfurt am Main bietet eines der klarsten Beispiele dafür, wie reformierte Erkenntnistheorie in Recht umgewandelt wurde. Nach der offiziellen Einführung des Luthertums im Jahr 1533 organisierte Frankfurt seine moralischen und administrativen Strukturen neu. Die Aufsicht über das Verhalten verlagerte sich von kirchlichen Gerichten auf städtische Behörden. Der Stadtrat übernahm die Verantwortung für die Durchsetzung von Ehrlichkeit, Disziplin und moralischer Ordnung.¹⁰

Der Handel war direkt in diesen Transformationsprozess involviert. Das Handwerk eines Mannes wurde zu einer öffentlichen Erklärung seiner Integrität. Max Weber analysierte diese Entwicklung in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus und beobachtete, dass die Erfüllung der Pflicht in weltlichen Angelegenheiten als die höchste Form moralischer Aktivität angesehen wurde.¹¹ Die alltägliche Arbeit erhielt religiöse Bedeutung. Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Transparenz waren keine bloß wirtschaftlichen Tugenden mehr. Sie waren moralische Imperative.

In Frankfurt wurde diese Ethik durch Zunftstatuten und Polizeiverordnungen durchgesetzt. Ehrlichkeit wurde wörtlich definiert. Eine Sache musste genau das sein, was sie vorgab zu sein. Mehrdeutigkeit war inakzeptabel. Mischungen waren verdächtig. Die Werkstatt wurde zu einem Ort, an dem die Wahrheit materiell geprüft wurde.¹²

Artenreinheit als angewandte Theologie

Im achtzehnten Jahrhundert waren die Frankfurter Metzger in streng getrennte Zünfte unterteilt. Die Ochsenmetzger schlachteten und verkauften Rinder. Die Schweinmetzger verarbeiteten Schweine. Diese Trennung war nicht allein durch Hygiene begründet. Sie war eine moralische Sicherung, die in der reformierten Forderung nach Transparenz wurzelte.¹³

Die Frankfurter Metzgerordnung von 1791 kodifizierte dieses System. Sie untersagte explizit das Mischen von Tierarten bei der Wurstherstellung. Die Rechtfertigung war der Verbraucherschutz, aber die zugrunde liegende Logik war theologisch. Das Mischen von Fleischsorten wurde als Täuschung definiert, als Verletzung der beruflichen Wahrhaftigkeit.¹⁴

Zunftgerichtsprotokolle belegen, dass dieser Grundsatz mit Strenge durchgesetzt wurde. Im Jahr 1778 sanktionierten Inspektoren einen Schweinmetzger, nachdem sie Rindertalg in einem Schweineverarbeitungsbottich entdeckt hatten. Es war keine gemischte Wurst verkauft worden. Das Urteil hielt fest, dass allein das Vorhandensein beider Arten die Absicht zur Täuschung darstellte. Die Ehre war verwirkt.¹⁵

In einer zunftregulierten Stadt hatte der Verlust der Ehre konkrete Konsequenzen. Er bedeutete den Ausschluss aus dem Gewerbe, den Verlust der Konzession, die Unfähigkeit, Lehrlinge einzustellen, und soziale Marginalisierung. Dies war der rechtliche Tod. Die Intensität der Durchsetzung offenbart, wie tief Wahrheit und materielle Reinheit miteinander verflochten waren.

Lahners Ausbildung innerhalb der Beschränkung

Johann Georg Lahner absolvierte seine Ausbildung in diesem Umfeld. In Frankfurt erwarb er eine der raffiniertesten Techniken der Schweinefleischverarbeitung in Europa. Das Fleisch wurde mit vielklingigen Hackmessern fein gehackt, statt gequetscht, wodurch die Proteinstruktur erhalten blieb. Die Temperatur wurde kontrolliert, um ein Verschmieren des Fetts zu verhindern. Die Würzung war zurückhaltend, um Farbe und Feinheit zu bewahren. Das Räuchern erfolgte über Buchenholz, um harzige Bitterkeit zu vermeiden.¹⁶

Das Ergebnis war eine elegante Wurst, die für ihre Geschmeidigkeit und Milde bewundert wurde. Doch es fehlte ihr an struktureller Festigkeit. Reine Schweinefleisch-Emulsionen entwickeln keine starken Spannungsnetzwerke. Rindfleisch bietet ein robusteres Myosin-Gerüst. Das Frankfurter Recht untersagte dessen Verwendung.

Diese Einschränkung war nicht technischer Natur. Sie war rechtlich und theologisch. Lahner mangelte es nicht an Wissen oder Ehrgeiz. Es mangelte ihm an der Befugnis.

Gesellenmobilität und konfessionelle Differenz

Als Geselle reiste Lahner donauabwärts nach Süden. Diese Reise führte ihn in Gebiete, die von katholischen Rechtstraditionen geprägt waren. In Städten wie Passau und Linz waren die Metzgerzünfte vereint und nicht nach Tierarten getrennt. Das Gesetz regelte Qualität, Preis und Hygiene, aber es setzte die materielle Reinheit nicht als moralisches Absolutum durch.¹⁷

In diesen Gerichtsbarkeiten war eine Mischung nicht automatisch eine Täuschung. Sie wurde innerhalb eines Rahmens bewertet, der Handwerk, Brauch und gemeinschaftliches Vertrauen anerkannte. Wahrheit wurde nicht auf materielle Isolation reduziert. Sie wurde als etwas verstanden, das innerhalb einer gemeinsamen symbolischen Ordnung vollzogen wird.

Dieser Unterschied ist fundamental. Wo reformierte Systeme verlangten, dass die Materie selbst transparent und eindeutig ist, akzeptierten katholische Systeme die Vermittlung. Die Interpretation wurde als Teil der menschlichen Auseinandersetzung mit stabilen Symbolen anerkannt und nicht als Bedrohung der Wahrheit.

Wien 1805 und die rechtliche Geburt des Wieners

Als Johann Georg Lahner 1805 in Wien seine eigene Fleischerei eröffnete, tat er dies unter Bedingungen, die sich grundlegend von denen unterschieden, die er aus Frankfurt kannte. Wien war nicht einfach eine größere oder wohlhabendere Stadt. Es wurde von einer Rechtskultur regiert, die von katholischer Erkenntnistheorie geprägt war, in der Synthese nicht mit Täuschung gleichgesetzt wurde und in der das Zunftrecht die Praxis regelte, ohne eine konfessionelle Reinheit der Materie zu erzwingen.

Die Gründung seines Geschäfts wurde durch die finanzielle Unterstützung einer privaten Gönnerin ermöglicht, die in der Wiener Historiographie traditionell als wohlhabende Frau identifiziert wird. Die Archivunterlagen bewahren weder ihren vollständigen Namen auf, noch dokumentieren sie die genauen Umstände, unter denen Lahner sie traf. Aus städtischen Aufzeichnungen und Berichten des späteren neunzehnten Jahrhunderts geht hervor, dass sie das Kapital bereitstellte, das Lahner benötigte, um Räumlichkeiten und Ausrüstung im Wiener Schottenfeld zu erwerben.¹⁸ Diese Form des Mäzenatentums war in Wien zu jener Zeit nicht ungewöhnlich, insbesondere für fähige Gesellen, die von außerhalb kamen und keine zünftigen Familienverbindungen hatten.

Das Geschäft ist erstmals 1805 in der Neustiftgasse belegt, damals ein gemischtes Wohn- und Handwerkerviertel und kein mondänes Quartier. Lahner betrat Wien nicht als gefeierter Innovator. Er kam als arbeitender Metzger mit verfeinerten technischen Fähigkeiten und – was entscheidend war – der rechtlichen Freiheit, diese ohne Angst vor Sanktionen anzuwenden.

Innerhalb kurzer Zeit nach der Eröffnung seines Ladens begann Lahner mit der Herstellung einer Wurst, die Schweine- und Rindfleisch kombinierte. Der Zeitpunkt ist entscheidend. Es gibt keine Belege für Experimente mit Mischfleischwürsten während seiner Frankfurter Jahre, trotz seiner technischen Möglichkeiten. Wären Frankfurts Verbote lediglich gewohnheitsmäßig oder ästhetisch gewesen, wäre ein diskretes Experimentieren möglich gewesen. Er versuchte es nicht. Die Einführung der Mischwurst erfolgte erst, nachdem er in eine Gerichtsbarkeit gewechselt war, in der eine solche Synthese rechtmäßig war. Der Wiener existiert, weil Wien die Kombination erlaubte, wo Frankfurt die Trennung erzwang.

Dies war kein Akt der Rebellion oder Provokation. Es war eine rechtliche Navigation, die von Erfahrung geleitet wurde. Lahner verstand die Grenzen dessen, was getan werden konnte, und er handelte genau dann, als sich diese Grenzen verschoben.

Frühe Rezeption und dokumentarische Spuren

Direkte Berichte von Personen, die in den ersten Produktionsmonaten Lahners Würste aßen, sind in persönlichen Tagebüchern oder Briefen nicht erhalten. Dieses Fehlen ist nicht ungewöhnlich. Von gewöhnlichen Bürgern konsumierte Lebensmittel finden selten Eingang in das Archiv, es sei denn, Kontroversen oder Neuheiten verlangen danach. Was uns vorliegt, sind indirekte, aber aussagekräftige Spuren.

Anzeigen und Auflistungen in Wiener Zeitungen, darunter die Wiener Zeitung, deuten darauf hin, dass Lahners Würste bereits wenige Jahre nach seiner Ankunft als eigenständiges und begehrtes Produkt verkauft wurden.¹⁹ In den 1810er Jahren erscheinen als Frankfurter oder Wiener Würste identifizierte Würste regelmäßig im Wiener Marktkontext, was sowohl auf Akzeptanz als auch auf Nachfrage schließen lässt.

Berichte aus dem späteren neunzehnten Jahrhundert, obwohl mit zeitlichem Abstand verfasst, schreiben die Einführung der Rind- und Schweinefleischwurst konsequent Lahners Wiener Geschäft zu. Diese retrospektiven Zuschreibungen werden von Historikern mit Vorsicht behandelt, aber ihre Konsistenz über unabhängige Quellen hinweg verleiht ihnen Gewicht.

Wahl des Darms und technische Entscheidungen

Eine von Lahners kritischen technischen Entscheidungen war die Verwendung von Schafdärmen, lokal als Saitlinge bekannt. Diese Wahl unterschied sein Produkt von gröberen ländlichen Würsten, für die oft dickere Schweinedärme verwendet wurden. Schafdärme ermöglichten eine dünnere Wurst mit feinerem Biss und einer gleichmäßigeren Wärmeübertragung beim Brühen.

Die Verwendung von Saitlingen steht im Einklang sowohl mit dem Wiener städtischen Geschmack als auch mit den strukturellen Anforderungen einer fein zerkleinerten Wurst. Dünne Därme konnten unter höherer Spannung gefüllt werden – eine Eigenschaft, die wesentlich wurde, sobald Rindfleisch in die Emulsion eingebracht wurde. Diese Spannung trug direkt zu dem charakteristischen Knack bei, der später den Wiener definierte.

Methode und das früheste rekonstruierbare Rezept

Kein handgeschriebenes Rezept von Lahners eigener Hand ist erhalten geblieben. Das ist keine Ausnahme. Die Rezepturen der Metzger wurden als Geschäftsgeheimnisse behandelt und selten zu Papier gebracht. Was uns stattdessen vorliegt, sind Rekonstruktionen, die auf Wiener Metzgerhandbüchern des frühen neunzehnten Jahrhunderts, Beschreibungen der Zunftausbildung und späteren technischen Analysen basieren.

Diese Quellen stimmen in mehreren Kernelementen von Lahners Methode überein. Das Fleisch wurde fein gehackt statt grob gewolft, wobei Hackmesser anstelle von Mahlmechanismen zum Einsatz kamen. Die Temperaturkontrolle war essenziell. Das Fleisch wurde kalt gehalten, um die Funktionalität der Proteine zu bewahren. Salz wurde früh hinzugefügt, um Myosin zu extrahieren, was die Bildung einer stabilen Emulsion ermöglichte.

Der Fleischblock bestand aus magerem Schweinefleisch, Schweinerückenfett und einem Anteil an magerem Rindfleisch, der ausreichte, um das Proteinnetzwerk zu stärken, ohne den Geschmack zu dominieren. Eis oder kaltes Wasser wurde während des Hackens eingearbeitet, um die Temperatur zu halten und die Proteinextraktion zu unterstützen. Die Würzung war zurückhaltend, typischerweise beschränkt auf weißen Pfeffer, Muskatblüte und Koriander. Knoblauch, der in ländlichen Würsten üblich war, wurde vermieden.

Nach dem Abfüllen in Schafdärme wurden die Würste sanft über Buchenholz geräuchert und dann gebrüht, anstatt vollständig gekocht zu werden. Diese Abfolge fixierte die Emulsion, straffte den Darm und erzeugte die charakteristische Textur.

Die ältesten Beschreibungen dieser Methode erscheinen in der Wiener technischen Literatur aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die den Wiener explizit sowohl von reinen Schweinefleisch-Frankfurtern als auch von gröberen Alpenwürsten abgrenzt.²⁰

Von der Erkenntnistheorie zur Textur

Die Konsequenzen dieses Wandels waren nicht symbolisch. Sie waren materiell. Die Zugabe von Rindfleisch veränderte die innere Struktur der Wurst. Rindermyosin bot ein stärkeres Proteingitter, das Wasser und Fett effektiver binden konnte als Schweinefleisch allein. Die Därme konnten unter größerer Spannung gefüllt werden, ohne zu reißen. Die Wurst gewann an Festigkeit und Knack.

Diese Qualitäten waren nicht bloß sensorische Verfeinerungen. Sie waren der physische Ausdruck rechtlicher und erkenntnistheoretischer Erlaubnis. Ohne die Fähigkeit, Tierarten rechtmäßig zu kombinieren, könnte die Textur, die den Wiener definiert, nicht existieren.

Der Wiener ist daher ein Produkt rechtmäßiger Synthese. Er verkörpert ein Weltbild, in dem es Materie erlaubt ist, sich ohne moralischen Verdacht zu verbinden, und in dem praktische Ergebnisse die Form leiten dürfen, anstatt abstrakte Reinheitsregeln.

Das Herz der reformierten Methode

Ein persönlicher Hinweis ist hier angebracht. Als ich achtzehn war, las ich die Institutio Christianae Religionis (Unterweisung in der christlichen Religion). Calvin lehrte, dass „der Wille daher so sehr durch die Knechtschaft der Sünde gebunden ist, dass er sich nicht zum Guten hin bewegen kann, geschweige denn sich darauf ausrichten“ (Buch II, Kapitel 2, Abschnitt 27). Er schrieb ferner, dass „die Natur des Menschen nicht nur nackt und leer des Guten ist, sondern so fruchtbar und hervorbringend in allem Bösen, dass sie nicht untätig sein kann“ (Buch II, Kapitel 1, Abschnitt 8), und dass „wir daher alle, aus einem unreinen Samen hervorgegangen, mit der Ansteckung der Sünde geboren werden“ (Buch II, Kapitel 1, Abschnitt 7).

Dies ist keine Beschreibung einzelner Handlungen, sondern von Absicht, Neigung und Ausrichtung. Das Problem ist nicht nur, was ein Mensch tut, sondern was er ist und was er will. Genau hier begründet Calvin seine Lehre.

Calvin argumentiert, dass „der Geist des Menschen so vollständig von der Gerechtigkeit Gottes entfremdet ist, dass er nur das ersinnt, begehrt und unternimmt, was gottlos, verkehrt, hässlich, unrein und schändlich ist“ (Buch II, Kapitel 2, Abschnitt 12). Er behauptet nicht, dass der Mensch gelegentlich sündigt. Er behauptet, dass der Mensch nicht nicht sündigen kann, weil die Verderbnis die Absicht selbst beherrscht. Calvin unterscheidet konsequent zwischen äußerer Übertretung und innerem Zustand. „Die Erbsünde ist eine ererbte Verderbnis und Verderbtheit unserer Natur, die sich über alle Teile der Seele ergießt“ (Buch II, Kapitel 1, Abschnitt 8).

Gerade diese tief verankerte Natur der Sünde, die jeden Aspekt des Denkens und Begehrens berührt, bildet die Grundlage für ständige Selbstprüfung und Selbstzweifel, selbst hinsichtlich unserer edelsten Absichten. Die Verderbnis geht der bewussten Entscheidung voraus. Handlungen entspringen einer Natur, die bereits geistlich tot ist. Jede Handlung ist daher befleckt. Jedes Verlangen. Jeder Plan. Wie Calvin schreibt: „Der Mensch ist so sehr unter das Joch der Sünde geknechtet, dass er aus seiner eigenen Natur weder im Begehren noch im Bemühen auf das Gute zielen kann“ (Buch II, Kapitel 3, Abschnitt 5). Sünde ist daher nicht bloß eine Übertretung des Gesetzes. Sie ist die notwendige Frucht eines Willens, der bereits in Gefangenschaft steht. Das Gesetz deckt nicht nur falsche Taten auf, sondern auch die Totenheit, aus der sie hervorgehen.

Calvin argumentiert, dass das Gesetz vollständig gehalten werden muss. Weil die Verderbnis bis in die Absicht selbst reicht, kann das Gesetz nicht selektiv befolgt oder auf den Geist ohne den Buchstaben reduziert werden. Die Schrift erklärt: „Verflucht ist jeder, der nicht bleibt bei allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben steht“ (Galater 3,10). Diese absolute Forderung des Gesetzes entspricht der absoluten Tiefe der Verderbnis. Teilweiser Gehorsam ist sinnlos, weil der Wille selbst verdorben ist.

Calvin bestimmt den Zweck scharf: „Das Gesetz ist wie ein Spiegel. In ihm sehen wir zuerst unsere Ohnmacht, dann unsere Ungerechtigkeit und schließlich den Fluch, der aus beiden folgt“ (Buch II, Kapitel 7, Abschnitt 7). Das Gesetz drängt den Menschen zur Reinheit, nicht weil Reinheit von Natur aus erreichbar wäre, sondern weil alles Geringere den wahren Zustand des Herzens verschleiert.

Nach Calvin erleichtert die Offenlegung der totalen Verderbtheit nicht die moralische Forderung, sondern verschärft sie. „Gott verlangt Reinheit des Herzens, nicht bloß äußere Beobachtung“ (Buch II, Kapitel 8, Abschnitt 52). Der Mensch wird gerade deshalb zur Reinheit getrieben, weil die Unreinheit in seiner Natur wurzelt und nicht nur in seinem Verhalten. Das Gesetz richtet sich auf die Wurzel, nicht nur auf die Frucht. „Der so gebundene Wille wird nicht gezwungen, sondern ist willentlich versklavt“ (Buch II, Kapitel 2, Abschnitt 27). Gehorsam bedeutet daher nicht, Sünden zu verwalten, sondern den Tod zu erkennen und sich ohne Rest oder Verhandlung vollständig dem Gesetz Gottes zu unterwerfen – sowohl dem göttlichen als auch dem moralischen.

Daraus folgt Calvins Beharren darauf, dass Reinheit in jedem Bereich des Lebens gesucht werden muss. Jede Handlung ist zu prüfen. Jede geschäftliche Entscheidung. Jede Praxis im Familienleben. Jeder Instinkt muss unterworfen werden. Jedes Vorhaben, auch kommerzielle Tätigkeiten, das nicht im vollsten Sinne absolut rein und richtig ist, gilt als Beweis der Verderbnis.

Ein Metzger, der zur Gewinnsteigerung verschiedene Fleischarten mischt, begeht eine Sünde. Wird der Kunde zu der Annahme verleitet, das Fleisch sei reines Rindfleisch, während Schweinefleisch beigemischt wurde, ist die Handlung eine Lüge. Hinter der Lüge steht nicht bloß eine fehlerhafte Entscheidung, sondern die offenbar werdende tote und verdorbene Natur. Die Tat legt das Herz offen. Der Vorgang wird zum Zeugnis für den Zustand, den Calvin beschreibt: Verderbnis nicht nur in den Taten, sondern in Absicht, Begehren und Willen.

Ein differenziertes, aber wichtiges Ergebnis des Denkens

Ein Ergebnis dieser Denkweise ist ein starker Impuls hin zu Reinheit im Handeln und Denken. Während Kristi und ich das GENAU-Fabrikmanagementsystem entwickelten, sah ich mich mit dem praktischen Problem konfrontiert, eine sehr große Datenmenge zu bereinigen. Über mehr als eine Woche hinweg war mein Fokus stark darauf verengt, die Arbeit zu erledigen, wobei ich die Aufgabe nahezu klinisch behandelte, getrieben von Vollständigkeit und innerer Konsistenz.

Während eines Laufs heute Morgen und nach ausführlichen Gesprächen zwischen uns fügten sich mehrere Gedankengänge zusammen. Dazu gehörten die Implikationen von Calvins Denken, der kontrastierende und produktivere katholische Ansatz, der Trugschluss zu glauben, absolute Wahrheit könne jemals vollständig erreicht oder in menschlicher Sprache vollkommen formuliert werden, Überlegungen zu Lahners Leben und zur Entstehung der Wiener Wurst sowie eine persönlichere Auseinandersetzung mit den Bereichen meines eigenen Lebens, in denen calvinistische Instinkte noch wirksam sind. An erster Stelle stand dabei die Annahme, dass jede Form von Unordnung stets zugunsten absoluter Präzision, Vollständigkeit und innerer Reinheit beseitigt werden müsse.

Die Einsicht war einfach, aber entscheidend. Das eigentliche Ziel ist nicht absolute Reinheit, sondern das Erreichen eines definierten Ergebnisses. Die zentrale Frage ist nicht, ob alles vollkommen sauber, erschöpfend und innerlich vollständig gemacht werden kann, sondern ob das beabsichtigte Ziel erreicht wurde. Sobald dieses Ziel erreicht ist, können verbleibende oder unvollständige Elemente, die das Ergebnis nicht beeinflussen, verworfen oder ignoriert werden, ohne dass dies einen moralischen oder methodischen Fehler darstellt.

Diese Einsicht hat die Herausforderung der Anwendung des GENAU-Systems grundlegend neu definiert. Erforderlich ist nicht Perfektion, sondern Angemessenheit. Nicht absolute Reinheit, sondern Treue zu einem klar definierten und vorab festgelegten Ziel. Nicht mehr und nicht weniger.

Die katholische Perspektive: Verwundete Natur und die Weisheit des „Ziels“

Um die katholische Position zu diesem „Kern der reformierten Methode“ zu verstehen, muss man Calvins metaphysischen Pessimismus der katholischen Lehre von der verwundeten Natur gegenüberstellen. Dieser Perspektivwechsel verändert grundlegend, wie man eine Fabrik, ein System oder eine Seele führt.

1. Verderbtheit versus Verwundung

Die zentrale katholische Kritik an der calvinistischen Sicht betrifft den Status des Menschen nach dem Sündenfall. Während Calvin eine Natur beschreibt, die „entkleidet und leer jeder guten Gabe“ ist, argumentiert die katholische Kirche insbesondere seit dem Konzil von Trient, dass die Erbsünde die menschliche Natur zwar verwundet, aber nicht zerstört hat. Nach dieser Auffassung ist die imago Dei, das Ebenbild Gottes, zwar verdunkelt, aber nicht ausgelöscht.

Das praktische Ergebnis: Da die Natur nicht „geistlich tot“, sondern „geistlich lahm“ ist, ist das Streben nach dem Guten kein vergebliches Unterfangen eines toten Willens, sondern die Mitwirkung eines geschwächten Willens mit der Gnade.

2. Das Ziel: Perfektion versus Teleologie

Calvins Beharren darauf, dass „jedes Bemühen, das nicht absolut rein ist, als Beweis der Verderbnis gilt“, führt zu dem, was die katholische Theologie Skrupulosität nennt. Dies ist der Irrtum, jede kleine Unordnung oder Unvollkommenheit als schweres moralisches Versagen zu behandeln. Demgegenüber stützt sich die katholische Tradition auf die Teleologie, vom griechischen telos, also Ziel oder Zweck. In der Nachfolge von Thomas von Aquin fragt die katholische Sicht: Was ist das beabsichtigte Ende dieser Handlung?

Im GENAU System bedeutet dies: Ein katholischer Ansatz legt nahe, dass das „Gute“ eines Fabrikmanagementsystems in seiner Nützlichkeit und in seiner Treue zu seinem Ziel liegt. Wenn die Daten ausreichend sind, um die Ehrlichkeit des Metzgers und die Sicherheit des Produkts zu gewährleisten, dann ist die „verbleibende Unordnung“ kein Zeichen einer verderbten Absicht, sondern schlicht ein Ausdruck der Endlichkeit der Schöpfung.

3. Prudentia: Der Lenker der Tugenden

Wo die reformierte Methode das Gesetz als „Spiegel der Ohnmacht“ nutzt, um absolute Reinheit zu fordern, bedient sich die katholische Antwort der Klugheit, der prudentia. Klugheit ist die Fähigkeit, in jeder Situation das wahre Gute zu erkennen und die richtigen Mittel zu wählen, um es zu erreichen.

Genügsamkeit als Tugend: Der Wechsel von „absoluter Reinheit“ zu „Treue zu einem klar definierten Ziel“ ist ein Akt der Klugheit. Er erkennt an, dass in einer physischen, gefallenen, aber erlösten Welt der Perfektionismus eine Illusion von Exzellenz ist. Nach einer Reinheit zu streben, die für das Ziel nicht erforderlich ist, bedeutet, die Gabe von Zeit und Verstand an ein Trugbild zu verschwenden.

4. Die Metapher der Wiener Wurst

Das Leben von Johann Georg Lahner dient als vollkommenes katholisches Gegenargument zum Drang nach „absoluter Reinheit“. Durch das Mischen von Rind und Schwein hat Lahner das Fleisch nicht „verderbt“, sondern eine kreative Synthese geschaffen, die ein konkretes Ziel erfüllte: eine neue kulinarische Exzellenz. Die „Reinheit“ lag nicht in der Trennung der Tierarten, sondern in der Ehrlichkeit des Handwerks.

Die katholische Position bestätigt damit deine entscheidende Einsicht: Das eigentliche Ziel ist nicht die Beseitigung jeder Unordnung, sondern das Erreichen des definierten Ergebnisses. Sobald das „Gute“ des Systems verwirklicht ist, ist das Streben nach weiterer „Reinheit“ keine moralische Notwendigkeit mehr, sondern lediglich eine unnötige klinische Fixierung.

Die moralische Grenze: Warum der Zweck nicht die Mittel heiligt

Um die theologische Genauigkeit zu wahren, muss die Unterscheidung betont werden, dass die Teleologie, also die Ausrichtung auf das Ziel, uns sagt, wonach wir streben sollen, während das moralische Gesetz vorschreibt, wie wir dorthin gelangen dürfen.

Die klarste Zurückweisung der Vorstellung, dass ein gutes Ergebnis eine schlechte Handlung rechtfertigt, findet sich im Katechismus der Katholischen Kirche, der direkt auf der Logik des Thomas von Aquin beruht. Der Katechismus hält fest:

„Eine gute Absicht, zum Beispiel dem Nächsten zu helfen, macht ungeordnetes Verhalten wie Lüge oder Verleumdung weder gut noch gerecht. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.“ (KKK 1753)

Im Kontext unseres Fabrikmanagements bedeutet dies, dass Sparsamkeit zwar ein kluges Ziel ist, die angewandten Methoden jedoch ihrem Wesen nach ehrlich bleiben müssen. Man kann keine ausreichenden Daten gewinnen, indem man bewusst Beweise für einen Fehler löscht, denn eine Lüge ist eine in sich ungeordnete Handlung, unabhängig davon, wie sehr sie den Abschlussbericht vereinfacht.

Dies wird zusätzlich durch das Prinzip des dreifachen moralischen Aktes gestützt. Damit eine menschliche Handlung als moralisch gut gelten kann, muss sie drei Kriterien gleichzeitig erfüllen. Wie die katholische Kirche lehrt:

„Die Moralität einer menschlichen Handlung hängt in erster Linie und grundlegend vom gewählten ‚Objekt‘ des vernünftigen Willens ab. Ein gutes Ziel rechtfertigt keine verdorbenen Mittel. Damit eine Handlung gut ist, muss sie gut sein in ihrem Objekt, in ihrem Zweck und in ihren Umständen.“ (Veritatis Splendor, 78–79)

Bewertung deines Verständnisses von Genügsamkeit

Die Einsicht der katholischen Kirche, dass absolute Reinheit nicht das höchste Ziel ist, ist kein Argument für den Satz „der Zweck heiligt die Mittel“. Sie ist vielmehr ein Argument für die rechte Ordnung.

Im calvinistischen Rahmen wird Unordnung als moralisches Übel behandelt. Datenbereinigung wird daher zu einer zwanghaften religiösen Pflicht. Im katholischen Rahmen ist Unordnung schlicht eine Begrenzung der Natur. Daher ist es keine schlechte Praxis, nicht jedes nicht wesentliche Byte zu bereinigen, sondern ein kluger Einsatz von Ressourcen. Man tut nichts Böses, um ein gutes Ergebnis zu erreichen, sondern verweigert lediglich eine unnötige Handlung im Streben nach einem Trugbild.

Wie Thomas von Aquin in der Summa Theologica schreibt:

„Die Klugheit ist die rechte Vernunft dessen, was zu tun ist, nicht weil das Ziel nicht gesucht würde, sondern weil die Mittel dem Ziel angemessen sein müssen.“ (ST II-II, q. 47)

Schlussfolgerung

Die Wiener Wurst ist nicht einfach ein Lebensmittel. Sie ist ein essbares historisches Dokument. Sie hält einen tiefgreifenden Wandel im europäischen Denken fest: den Übergang von einer Kultur, die Wahrheit als etwas Absolutes, Deklaratives und unter allen Umständen vollkommen Lesbares etablieren wollte, hin zu einer Kultur, die Vermittlung, Teilhabe und Synthese als unvermeidliche Merkmale menschlicher Praxis akzeptierte.

In Frankfurt wurde Wahrheit durch Trennung und Reinheit gesucht. Zutaten, Methoden und Kategorien waren streng definiert, bewacht und geschliffen. Richtigkeit lag im Ausschluss. Alles, was Grenzen verwischte, bedrohte die Integrität des Systems selbst. Dieser Ansatz spiegelte ein umfassenderes intellektuelles und moralisches Rahmenwerk wider, in dem Abweichungen von der definierten Form als Irrtum, Verderbnis oder Betrug behandelt wurden.

Wien stand für etwas anderes. Hier wurde Wahrheit gelebt statt verkündet. Sie entstand durch Gebrauch, Wiederholung und gemeinsames Einvernehmen zwischen Produzent und Konsument. Die Kombination war kein Prinzipienbruch, sondern eine praktische Antwort auf die Realität. Rind und Schwein zusammen waren kein philosophischer Kompromiss, sondern eine kulinarische Lösung, die funktionierte. Die Wurst war nicht erfolgreich, weil sie theoretisch rein war, sondern weil sie ihren Zweck innerhalb einer lebendigen Wirtschaft und Kultur erfüllte.

Lahners Leistung liegt daher jenseits technischer Verfeinerung. Sie besteht darin, gezeigt zu haben, dass starrer theoretischer Absolutismus unter praktischen Bedingungen häufig zusammenbricht. Die Wirklichkeit fügt sich nicht immer in saubere Kategorien. Systeme, die auf vollständiger Reinheit bestehen, werden tendenziell spröde, ausgrenzend und letztlich unbrauchbar. Die Wiener Wurstkultur zeigt, dass Synthese, wenn sie ehrlich und offen praktiziert wird, Ergebnisse hervorbringen kann, die sowohl funktional als auch dauerhaft sind.

Jede Wiener Wurst aus Rind und Schwein trägt diese Geschichte noch immer in sich. Sie verkörpert einen Moment, in dem strikte Trennung der Integration wich, in dem Perfektion der Angemessenheit Platz machte und in dem die Praxis der Theorie Korrektur erlaubte. Sie ist der Geschmack einer Welt, in der der Materie gestattet wurde, mit mehr als einer Stimme zu sprechen, und in der Wahrheit nicht länger von oben verordnet, sondern durch gemeinsame menschliche Praxis ausgehandelt wurde.

Literaturverzeichnis

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