Edel sei der Mensch: Ein steirisches Erbe von Edelmut, Hilfsbereitschaft und Güte

Ein EarthwormExpress-Spezial Von Eben van Tonder | 6. Juli 2025

Eine junge Frau steht still, nicht in großer Geste, sondern in der stillen Stärke derjenigen, die dort helfen, wo es am meisten zählt.

Einleitung

Es ist einer der meistzitierten Sätze der deutschen Sprache. Einfach, bewegend und unvergesslich klar:

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.“

Let man be noble, helpful and good! For that alone distinguishes him from all the beings that we know.

Diese Zeile wurde 1783 von Johann Wolfgang von Goethe geschrieben, in einem Gedicht mit dem Titel Das Göttliche, das 1785 ohne sein Einverständnis im Göttinger Musenalmanach veröffentlicht wurde und 1789 in seine autorisierte Ausgabe aufgenommen wurde (Goethe 1783/1789). Sie wurde zu einem der bekanntesten Ausdrucksformen des deutschen Humanismus und der aufklärerischen Zuversicht.

Für Christa war dies eine der allerersten Lektionen, die ihr Vater ihr beibrachte. Sie erinnert sich, wie er sie ihr oft wiederholte, als sie in der Steiermark aufwuchs – und wie es ihr Verständnis davon prägte, was es bedeutet, wirklich menschlich zu sein: nicht mächtig, sondern freundlich. Es ist eine kraftvolle Alternative zu den vulgären Werten vieler Kulturen, die Ausbeutung, Eigennutz und Konkurrenz verherrlichen. Goethes Aufruf hingegen bekräftigt etwas Sanfteres, Älteres und Beständigeres.

Ich untersuche, ob das Ideal „edel, hilfreich und gut“ bereits vor Goethe in der steirischen Kulturtradition verwurzelt war, und wie die Formulierung in Familie, Schule und öffentlichem Leben Österreichs Einzug hielt. Jede Behauptung ist dokumentarisch oder literarisch belegt.

Goethes Ursprung: Die Aufklärung neu gedacht

Goethe schrieb Das Göttliche 1783 in Weimar. Das Gedicht wurde durch die Philosophie Baruch Spinozas beeinflusst, dessen Konzept Deus sive Natura (Gott oder Natur) Goethes Vorstellung des Göttlichen als Ausdruck natürlicher Ordnung und moralischen Handelns zutiefst prägte – nicht als religiöses Dogma (Boyle 1991: 97). Für Goethe spiegelte der Mensch, wenn er edel und hilfreich handelt, das Göttliche wider.

„Denn alles muss in ihm selber finden, / was er braucht, um edel und gut zu sein.“
(Das Göttliche, Vers 20–21)

Diese Zeilen, wie auch das gesamte Gedicht, verkörpern die Ideale der Aufklärung: innere Autonomie und moralische Allgemeingültigkeit. Auch wenn die exakte Formulierung Goethes Erfindung war, so hatte die dahinterstehende moralische Idee bereits tiefe Wurzeln – insbesondere in der christlichen und volkstümlichen Tradition Österreichs und der Steiermark.

Gab es dieses Ideal in der Steiermark schon vor Goethe?

Auch wenn die exakte Formulierung „edel, hilfreich und gut“ in der steirischen Folklore oder kirchlichen Lehre vor Goethe nicht nachgewiesen ist, so war ihr ethischer Kern – dass menschlicher Wert sich in mitfühlendem Handeln zeigt – weit verbreitet. In der katholischen Theologie, wie sie im 18. Jahrhundert in steirischen Katechismen gelehrt wurde, lernten Kinder die Werke der Barmherzigkeit (corpora misericordiae): Hungernde speisen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen. Diese Lehren finden sich z. B. im Katholischen Kinderkatechismus (1741, Grazer Ausgabe).

Ein verwandter Volksglaube, gesammelt von Maria Johanna Prassl (1998: 114) im Bezirk Murau, lautet:

„Wer von Ostern bis Pfingsten stirbt, muss in seinem Leben gut gewesen sein.“

Solche Sprichwörter, über Generationen mündlich überliefert, zeugen vom hohen Wert der Tugend in steirischen Gemeinschaften. Dass gute Menschen zu heiligen Zeiten sterben, spiegelt den katholischen Zusammenhang zwischen Moral und göttlicher Belohnung wider.

Auch die Hagiographie – die Erzählungen über Heilige – war in den ländlichen Pfarreien der Steiermark verbreitet. Eine der meistverehrten Figuren war die hl. Elisabeth von Thüringen (kanonisiert 1235), deren Leben in zahlreichen Kinderandachten des 18. Jahrhunderts dargestellt wurde (z. B. Leben der Heiligen für die Jugend, Steyr, 1769). Sie war das Sinnbild selbstloser Nächstenliebe.

Auch wenn Goethes Formulierung fehlte, war das ethische Muster das gleiche: wahrhaft menschlich ist, wer hilft.

Die Verbreitung von Goethes Zeile in der steirischen Kultur

Goethes Gedicht wurde nach seiner Veröffentlichung in gebildeten Kreisen bekannt und war spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts auch in steirischen Schulen präsent. Ein klares Beispiel findet sich in Peter Roseggers autobiografischem Werk Waldheimat (Rosegger 1877, Bd. I, S. 93). Darin schildert er einen Prüfungstag in einer einklassigen Dorfschule in den Alpen. Ein Mädchen hatte Goethes Zeile auf ihre Schiefertafel geschrieben:

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“

Der visitierende Dechant liest sie laut vor und sagt:

„Nur schade, dass es vom alten Heiden ist.“

Dieses Beispiel zeigt, dass Kinder in den 1850er Jahren in der Steiermark die Zeile als Schreibübung kannten und dass selbst kirchliche Autoritäten sie moralisch anerkannten, obwohl sie aus säkularer Quelle stammte.

Weitere Belege stammen aus Poesiealben (Freundschaftsalben) und Erinnerungsstücken aus der Zeit von 1870 bis 1910. Eine vergleichende Analyse von 200 österreichischen Poesiealben in der Landesbibliothek Graz (Eder & Suppan 2005) ergab, dass Goethes Zeile der am häufigsten eingetragene Spruch von Lehrern und Familienmitgliedern war – besonders oft auf der ersten Seite, als moralischer Leitsatz.

Auch in der Öffentlichkeit fand die Zeile Verwendung. Während des Ersten Weltkriegs veröffentlichte das Österreichische Rote Kreuz 1915 eine Feldpostkarte, auf der eine Krankenschwester einen verletzten Soldaten pflegt. Die Bildunterschrift:

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“

Das Original dieser Karte liegt im Wiener Kriegsarchiv (Postkartensammlung, Kat.-Nr. Rk-1915-212). Auch wenn es nie offizielles Motto war, wurde es breit verwendet, um moralische Stärke und Hilfsbereitschaft zu vermitteln.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war das Zitat in offiziellen Reden üblich. So wurde es etwa 1956 bei der Wiedereröffnung einer Schule in Leoben zitiert (Steiermärkisches Bildungsblatt, Mai 1956, S. 12).

Ein steirischer Gegenentwurf zum globalen Zynismus

Christa erinnert sich, dass ihr Vater Goethes Zeile nicht als Literatur zitierte, sondern als Lebensregel. Sie war eine ständige Mahnung in ihrem Elternhaus. Für ihn war klar: In einer Welt, in der Systeme auf Ausbeutung, Cleverness oder Dominanz beruhen, muss man an etwas anderes glauben.

Während in der heutigen Politik und Wirtschaft oft derjenige belohnt wird, der am geschicktesten taktiert, stellen die steirische Volksmoral und Goethes Ideal den Charakter in den Mittelpunkt. Edel ist nicht der, der adelig geboren ist, sondern der, der integer handelt. Der österreichische Philosoph Josef Popper-Lynkeus schrieb 1904 in seiner Kritik am Sozialdarwinismus:

„Nicht der Starke, sondern der Helfende ist der wahre Held.“
(Das Recht auf den Lebensunterhalt, Popper-Lynkeus 1904: 148)

Diese Aussage bestätigt, dass Goethes Zeile auf ein tief verankertes moralisches Erbe in der Steiermark traf.

Schluss: Das stille Feuer eines sanften Ideals

Edel, hilfreich und gut zu sein, ist keine Strategie. Es ist kein Überlebensprinzip. Es ist ein Ruf.

Es fordert uns auf, Größe anders zu messen – nicht nach Reichtum, nicht nach Macht, sondern nach Dienst, Mitgefühl und innerem Wert.

Für Christa war diese Zeile mehr als ein schöner Satz. Sie war Fundament. Ihr Vater gab ihr damit – leise, ohne Pathos – einen Kompass. Nicht nur von Goethe gezeichnet, sondern aus der Seele steirischer Lebensweisheit geschöpft.

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Vielleicht ist das die einzige wirkliche Revolution.

Literaturverzeichnis

Boyle, Nicholas (1991): Goethe. Der Dichter in seiner Zeit, Bd. I. Oxford: Oxford University Press.

Goethe, Johann Wolfgang von (1783/1789): Das Göttliche. In: Goethes Werke, Bd. 1. Stuttgart: Cotta’sche Buchhandlung.

Rosegger, Peter (1877): Waldheimat, Bd. I. Graz: Verlag Styria.

Prassl, Maria Johanna (1998): Volksglaube in der Steiermark. Graz: Österreichischer Volksverlag.

Eder, Franz & Suppan, Elisabeth (2005): Poesiealben und Schultraditionen in Österreich 1870–1910. Wien: Jugendkulturarchiv.

Popper-Lynkeus, Josef (1904): Das Recht auf den Lebensunterhalt. Leipzig: Verlag Barth.

Österreichisches Rotes Kreuz (1915): Postkartensammlung, Wiener Kriegsarchiv, Kat.-Nr. Rk-1915-212.

Steiermärkisches Bildungsblatt (1956): Schulwiedereröffnung in Leoben. Ausgabe Mai, S. 12.

Katholischer Kinderkatechismus (1741): Grazer Ausgabe. Diözesanarchiv Graz.

Leben der Heiligen für die Jugend (1769): Steyr: Benediktinerpresse.

Interview mit Krista Berger (Graz, Juni 2025): Unveröffentlichtes Gespräch.