Typologie als Kognition

Wie wir die Schrift lesen, so leben wir unser Leben: Muster, Analogie und die Architektur des menschlichen Denkens

Von Eben van Tonder, 24. Mai 2026


Zur Reihe

Dieser Aufsatz ist Teil 3 einer dreiteiligen Reihe ueber Johannes 1 und den Logos.

Teil 1 – Im Anfang war das Wort

Behandelt: Verfasserschaft von Johannes 1; der rekonstruierte Logos-Hymnus; die vollstaendigen Texte von Sprueche 8, Sirach 24, Weisheit Salomos 7 und 1 Henoch 42; Philo von Alexandrien und der Erstgeborene Sohn; Edersheims Analyse; Stoiker, Mittelplatoniker und das Memra; Ephesus und die johanneische Gemeinde; Paulus und Johannes; Weisheit als universale Technologie.

Teil 2 – Schrift, Tradition und die Architektur der Aneignung

Behandelt: die Gueltigkeit typologischer, Pescher-, midrashischer und sensus-plenior-Auslegungen; die patristiche Tradition von Justinus Martyr ueber Origenes bis Augustinus; Maria und die Grosse-Mutter-Tradition Anatoliens; die Umwidmung heidnischer Heiligtuemer.

Teil 3 – Typologie als Kognition: Wie wir die Schrift lesen, so leben wir unser Leben (dieser Aufsatz)

Behandelt: die Kognitionswissenschaft der Mustererkennung (Hofstadter, Lakoff und Johnson); jungnische Archetypen; wissenschaftliche Entdeckung durch Analogie (Kepler, Kekule, Kuhn); das Argument, dass typologisches Lesen die normale Operation des menschlichen Denkens ist.


Einleitung: Der Einwand und seine Widerlegung

Der staerkste Einwand gegen die typologische Lektuere des Alten Testaments ist erkenntnistheoretischer Art. Er lautet wie folgt: Die Verfasser der hebraeischen Schriften schrieben in bestimmten historischen Umstaenden, wandten sich an bestimmte historische Gemeinschaften und beabsichtigten bestimmte historische Bedeutungen. Wenn Matthaeus Hosea 11,1, ‘Aus Aegypten habe ich meinen Sohn gerufen’, als Prophetie ueber die Rueckkehr des Saeuglings Jesus aus Aegypten liest, weicht er von der Absicht des Verfassers ab. Hosea schrieb ueber den Exodus Israels, nicht ueber ein galilaeisches Kind, das sieben Jahrhunderte spaeter geboren wurde. Wenn der Verfasser des Hebraeer-briefs Psalm 8 als Prophezeiung ueber die Erniedrigung und Erhoehung Christi liest, legt er dem Psalmisten eine Bedeutung auf, die dieser nie erwogen hat. Die woertliche, historische, grammatische, kontextuelle Hermeneutik, die diesen Einwand antreibt, besteht darauf, dass ein Text das bedeutet, was sein menschlicher Verfasser bewusst beabsichtigt hat zu sagen, und nichts darueber hinaus.

Dieser Einwand klingt vernuenftig. Er erweckt den Anschein intellektueller Strenge, des Respekts vor der Integritaet des urspruenglichen Verfassers, der Weigerung, Belege nach gewuenschten Schluessen zu biegen. Aber er beruht auf einem grundlegenden Missverstaendnis davon, wie Menschen tatsaechlich denken, lernen, schaffen und Wissen vorantreiben. Er beschreibt eine kognitive Denkweise, die kein Mensch in einem ernsthaften intellektuellen Unterfangen tatsaechlich anwendet, und schon gar nicht im Unterfangen, ein menschliches Leben zu fuehren. Typologisches Lesen ist, weit davon entfernt, dem Text von aussen aufgezwungen zu werden, die nauerlichste Denkweise des Menschen, angewandt auf menschliche Literatur. Der Einwand scheitert nicht, weil er der Schrift gegenueber feindlich eingestellt ist. Er scheitert, weil er eine falsche Darstellung davon ist, wie der menschliche Geist funktioniert.

Teil Eins: Das kognitionswissenschaftliche Argument fuer das Musterdenken

Analogie als Kern allen Denkens

Die kompromissloseste Formulierung des Vorrangs von Muster und Analogie im menschlichen Denken stammt vom Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter und seinem Mitarbeiter Emmanuel Sander in ihrem 2013 erschienenen Werk Surfaces and Essences: Analogy as the Fuel and Fire of Thinking. Ihre zentrale These wird ohne Einschraenkung formuliert: ‘Analogie ist der Kern allen Denkens.’ Nicht ein nuetzliches Werkzeug beim Denken. Nicht eine gelegentliche Technik fuer kreative Berufe. Der Kern. Der Mechanismus, durch den das menschliche Gehirn jede Situation, auf die es trifft, verstaendlich macht, von der trivialsten bis zur erhabensten. ‘Die Analogiebildung,’ schreiben sie, ‘geschieht keineswegs nur in seltenen Abstaenden, sondern in jedem Moment, und praegt das Denken von oben bis unten, von den kleinsten und fluechtigsten Gedanken bis zu den kreativsten wissenschaftlichen Einsichten.'[1]

Hofstadter und Sander argumentieren, dass die primaere Aufgabe des Gehirns darin besteht, den unaufhoerlichen Strom neuartiger Situationen, mit dem es konfrontiert wird, auf frueheren Erfahrungen abzubilden, strukturelle Entsprechungen zu finden, Muster zu erkennen und die aktuelle Situation als Instanz eines bekannten Typus zu identifizieren. Dies ist keine optionale kognitive Strategie. Es ist die grundlegende Maschinerie des Verstehens selbst. Wir begegnen einer Situation nicht erst neutral und greifen dann optional nach einer Analogie, um sie zu verstehen. Das Greifen nach der Analogie ist das Verstehen. Ohne Mustererkennung, ohne die Faehigkeit zu sagen, ‘das ist wie das’, gibt es ueberhaupt kein Denken. Es gibt nur Chaos.

Hofstadters frueheres Werk Goedel, Escher, Bach hatte bereits erforscht, wie Selbstreferenz, Rekursion und Muster die tiefsten Strukturen des Geistes, der Mathematik und der Musik ausmachen. Sein gesamtes Lebenswerk laeuft auf eine einzige Einsicht hinaus: Der menschliche Geist ist eine muster-findende und muster-anwendende Maschine, und das ist keine zu ueberwindende Einschraenkung, sondern die eigentliche Quelle seiner ausserordentlichen Kraft. Der amerikanische Mathematiker George Polya formulierte es mit charakteristischer Direktheit: ‘Analogie durchdringt unser gesamtes Denken, unsere alltaegliche Rede und unsere trivialen Schluesse ebenso wie unsere kuenstlerischen Bemuehungen und unsere hoechsten wissenschaftlichen Errungenschaften.'[2]

Konzeptuelle Metapher: Wir denken in Typen

Die Kognitionslinguisten George Lakoff und Mark Johnson entwickelten ein ergaenzendes Argument in ihrem bahnbrechenden Werk von 1980, Metaphors We Live By, das sie 1999 in Philosophy in the Flesh erweiterten. Ihre These besagt, dass das menschliche Begriffssystem grundlegend metaphorisch ist, was bedeutet, dass abstrakte Konzepte in Begriffen konkreter erfahrungsbezogener Bereiche verstanden und strukturiert werden. Wir haben keinen direkten Zugang zu Abstraktionen. Wir verstehen sie, indem wir sie auf Muster abbilden, die aus verkoeperter Erfahrung stammen. Zeit ist Geld. Argumente sind Kriege. Ideen sind Nahrung. Das Leben ist eine Reise. Dies sind keine dekorativen Blueten in der Sprache. Es sind die tatsaechlichen kognitiven Strukturen, durch die wir Abstraktionen erfassen und ueber sie nachdenken, die kein direktes sinnliches Korrelat haben.[3]

Lakoff und Johnson sind ausdruecklich: ‘Metapher ist in unserem taeglichen Leben allgegenwaertig, nicht nur in der Sprache, sondern auch in Denken und Handeln. Unser gewoehnnliches Begriffssystem, in dessen Begriffen wir sowohl denken als auch handeln, ist grundlegend metaphorischer Natur.’ Die Implikation ist radikal. Wenn alles abstrakte Denken strukturell von Abbildungen aus konkreten Bereichen abhaengig ist, wenn der Geist der Abstraktion nur begegnen kann, indem er zuerst sagt ‘das ist wie das’, dann ist typologisches Denken keine exotische hermeneutische Technik, die den juedischen Exegeten des ersten Jahrhunderts eigen ist. Es ist das grundlegende Betriebssystem des menschlichen Geistes.[3]

Die neurowissenschaftliche Evidenz hat diese Ansicht seither bestaetigt. Gehirn-bildgebungsstudien seit den fruehen 2000er Jahren haben gezeigt, dass das Verstehen von Metaphern dieselben sensomotorischen Kortizes aktiviert, die mit dem Quellbereich verbunden sind. Wenn Menschen den Ausdruck ‘eine Idee begreifen’ hoeren, zeigen Bereiche des motorischen Kortex, die mit physischem Greifen verbunden sind, Aktivierung. Das Muster ist nicht bloss sprachlich. Es ist neuronal. Das Gehirn laeuft buchstaeblich konkrete Erfahrungsmuster als Substrat fuer abstraktes Verstaendnis. Denken ist verkoerperte Analogie.

Jung und die Archetypen: Muster als Erbe

Carl Jungs Theorie der Archetypen und des kollektiven Unbewussten naehert sich derselben Wirklichkeit von der Richtung der Tiefenpsychologie her. Jung schlug vor, dass unter dem persoenlichen Unbewussten, das durch individuelle Erfahrung geformt wird, ein kollektives Unbewusstes liegt, das allen Menschen gemeinsam ist und durch vererbte Muster, die Archetypen, strukturiert wird, die universale Prototypen fuer Erfahrung, Verhalten und Vorstellungskraft sind. Diese Archetypen manifestieren sich in Kulturen, die durch Jahrhunderte und Ozeane getrennt sind, in denselben Strukturformen: der Held, die Grosse Mutter, der Weise Alte, der Schatten, der Schalk. Sie erscheinen in der griechischen Mythologie, in nordischen Sagas, in westafrikanischer muendlicher Tradition, in den Upanishaden, in Maerchen, die von jedem bewohnten Kontinent gesammelt wurden.[4]

Joseph Campbells kulturvergleichende Studie der Mythologie, am vollstaendigsten entwickelt in Der Heros in tausend Gestalten, bewies empirisch, was Jung theoretisch vorgeschlagen hatte: dass dieselbe Strukturerz-aehlung, die Heldenreise des Aufbruchs, der Bewaehrung und der Rueckkehr, den mythologischen Traditionen von Kulturen zugrunde liegt, die keinen Kontakt miteinander hatten. Das Muster ist nicht entliehen. Es ist dem menschlichen Geist eingeboren. Wie Campbell schrieb: ‘Die Symbole der Mythologie sind nicht hergestellt; sie koennen nicht bestellt, erfunden oder dauerhaft unterdrueckt werden. Sie sind spontane Erzeugnisse der Psyche.'[5]

Der jungnische Rahmen beleuchtet etwas, das das rein kognitive Konto unterbetonen kann. Archetypen sind nicht bloss intellektuelle Muster, nuetzliche Werkzeuge zur Kategorisierung von Informationen. Sie tragen emotionales Gewicht und existenzielle Kraft. Die Erkennung eines archetypischen Musters, sei es in einer Geschichte, einer Beziehung oder einem Schrifttext, ist nicht bloss kognitive Verarbeitung. Es resoniert. Der Grund, warum bestimmte Geschichten sich wahr anfuehlen, bevor sie analysiert werden, warum bestimmte Figuren in der Literatur vertraut und gross wirken, bevor irgendwelche Literaturkritik auf sie angewandt wurde, liegt darin, dass sie ererbte Muster aktivieren, die durch die lange Geschichte des Menschseins geformt worden sind. Typologie in der Schrift funktioniert genauso: Der Leser, der den Exodus an einer Stelle und die Auferstehung an einer anderen Stelle antrifft, stellt nicht bloss eine intellektuelle Verbindung her. Er erkennt ein Muster, das das Gewicht menschlicher Erfahrung hinter sich hat.

Teil Zwei: Wissenschaftliches Denken ist typologisches Denken

Kepler, Kekule und die Schlange, die ihren eigenen Schwanz biss

Die Wissenschaftsgeschichte liefert die uberzeugendsten Belege gegen die literalistische Behauptung, dass ernsthaftes Denken ohne Analogie und Muster ablaeuft. Die folgenreichsten wissenschaftlichen Entdeckungen der Geschichte waren charakteristisch damit verbunden, ein Strukturmuster aus einem Bereich in einem ganz anderen Bereich wiederzuerkennen: die Erkenntnis, dass dieses Problem dieselbe Form hat wie jenes Problem, das ich bereits geloest habe.[6]

Der deutsche Astronom Johannes Kepler, der versucht, die Kraft zu verstehen, die die Planeten in ihren Umlaufbahnen bewegt, machte den konzeptuellen Durchbruch, indem er eine ausdrueckliche Analogie mit dem Licht zog. Licht von der Sonne nimmt an Intensitaet ab wie das inverse Quadrat der Entfernung. Vielleicht, schloss Kepler, wirkt die Kraft, die die Planeten bewegt, nach einem analogen Prinzip. Dies war der Keim dessen, was Newtons Gravitationsgesetz werden sollte. Keplers Vorgehen war durch und durch typologisch: Er bildete ein bekanntes Muster aus einem physikalischen Bereich auf ein ungeloestes Problem in einem anderen ab, nicht weil die beiden offensichtlich dasselbe waren, sondern weil sie eine strukturelle Form zu teilen schienen.[6]

August Kekules Entdeckung der Ringstruktur des Benzols im Jahr 1865 ist vielleicht das beruehm-teste Beispiel fuer wissenschaftliche Erkenntnis, die durch die Aktivierung eines vorhandenen Musters gewonnen wurde. Nach Kekules eigener Schilderung hatte er jahrelang an dem Problem der Molekuelstruktur des Benzols gearbeitet, als er, am Kamin doeend, in einem halbtraeumerischen Zustand eine Kette von Atomen sah, die sich schlangenaehnlich auf sich selbst zurueckrollte und ihren eigenen Schwanz in einer wirbelnden Bewegung ergriff. Er erwachte und arbeitete die Nacht durch an dem, was zum hexagonalen Ringmodell wurde, einer der grundlegenden Entdeckungen der organischen Chemie. Das Bild des Ouroboros, des alten Symbols einer Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt und in Kulturen von der aegyptischen Mythologie bis zur alchemistischen Symbolik auftaucht, lieferte die kognitive Vorlage, durch die Kekules umfangreiches Fachwissen seine Aufloesung finden konnte.[7]

Was nicht bestreitbar ist, ist das kognitive Prinzip, das die Kekule-Geschichte veranschaulicht und das in der gesamten Wissenschaftsgeschichte gut belegt ist: dass der Geist Muster speichert, woher auch immer er sie begegnet ist, und dass diese gespeicherten Muster fuer unerwartete bereichsuebergreifende Anwendung verfuegbar werden. Der Forscher, der breit gelesen hat, der lebhaft erlebt hat, der einen reichen Vorrat an Mustern aus Literatur, Mythos, persoenlicher Erfahrung und benachbarten Gebieten angesammelt hat, hat mehr kognitive Ressourcen verfuegbar fuer den Moment, in dem ein neues Problem eine alte Loesung in neuer Form verlangt.

Kuhns Paradigmen: Der Typus, der die normale Wissenschaft organisiert

Thomas Kuhns 1962 erschienenes Hauptwerk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen fuehrte das Konzept des wissenschaftlichen Paradigmas ein, den Rahmen gemeinsamer Annahmen, Methoden und exemplarischer Probleme, durch den eine wissenschaftliche Gemeinschaft ihre Arbeit durchfuehrt. Kuhns zentrale Einsicht war, dass normale Wissenschaft, die taegliche Taetigkeit der wissenschaftlichen Forschung, nicht durch neutrale Beobachtung und allmaehliche Ansammlung von Fakten voranschreitet. Sie schreitet durch Raetselzlosung innerhalb der durch das Paradigma vorgegebenen Vorlage voran. Wissenschaftler arbeiten, indem sie neue Beobachtungen dem durch den dominanten Typusfall festgelegten Muster anpassen.[8]

Kuhns Paradigma ist im strengsten kognitiven Sinne ein Typus. Es ist ein auf neue Faelle angewandtes Strukturmuster. Normale Wissenschaft ist typologische Wissenschaft: die Anwendung eines bekannten Musters auf neue Instanzen. Was Kuhn als wissenschaftliche Revolution bezeichnet, ist der Moment, in dem angehaefte Anomalien, Faelle, die sich weigern, in den etablierten Typus zu passen, den Ersatz eines Typus durch einen anderen erzwingen. Selbst das revolutionaere neue Paradigma entsteht nicht aus dem Nichts: Es ist selbst typischerweise eine Analogie aus einem anderen Bereich, ein neuer Typus, der anderswo entlehnt und auf die widerspenstigen Anomalien angewandt wird. Kuhn selbst bemerkte, dass Darwins Evolutionstheorie ausdruecklich auf dem von Malthus entwickelten Modell des Wettbewerbs um knappe Ressourcen aufbaute.[8]

Kuhns Werk beleuchtet auch, warum die Forderung nach einer rein woertlichen, dekontextualisierten, ahistorischen Lektuere eines jeden Textes, einschliesslich der Schrift, philosophisch naiv ist. Wie Kuhn zeigte, gibt es keine Beobachtung ohne einen vorgaengigen Rahmen, keine Lektuere von Belegen ohne ein vorgaengiges Muster, durch das die Belege gesiebt und geordnet werden. Die Behauptung, einen Text ohne Voraussetzungen zu lesen, nur die urspruengliche Absicht des menschlichen Verfassers unvermittelt wiederherzustellen, ist keine Beschreibung ueberlegener intellektueller Strenge. Es ist die Beschreibung einer Unmoeglichkeit.[8]

Teil Drei: Wir leben unser Leben typologisch

Das Kind, das genauso ist wie sein Grossvater

Die unmittelbarste und universalste Form typologischen Denkens ist die Erkennung persoenlicher Aehnlichkeit ueber Generationen hinweg. Wenn eine Familie sagt, ein Kind sei genauso wie sein Grossvater, machen sie keine genetische Behauptung ueber vererbte Merkmale, obwohl das ein Teil von dem sein mag, was sie meinen. Sie erkennen ein wiederkehrendes Strukturmuster, einen Typus, der sich in einer neuen Instanz manifestiert. Der Grossvater ist der Typus; das Enkelkind ist der Antitypus. Die Aehnlichkeit kann koerperlich, temperamentmaessig, beruflich, narrativ sein. Er hat dieselbe Rastlosigkeit, dieselbe Sprachbegabung, dieselbe Faehigkeit, gleichermassen zu provozieren und zu inspirieren. Die aeltere Generation, die dies erkennt, vergleicht nicht bloss zwei Individuen. Sie nimmt die Kontinuitaet eines Musters ueber die Zeit wahr und findet in dieser Wahrnehmung sowohl Orientierung als auch Bedeutung.

Das ist Typologie. Keine hermeneutische Technik, die von alexandrinischen Rabbinern erfunden und von fruehchristlichen Exegeten entlehnt wurde. Eine spontane, universale, unvermeidbare Wahrnehmungsweise des Menschen. Wer sagt, mein neuer Vorgesetzter ist genauso wie mein Vater, betreibt Typologie. Wer sagt, das fuehlt sich an wie damals, als ich achtzehn war, betreibt Typologie. Wer sagt, die Geschichte wiederholt sich, betreibt Typologie. Wer sagt, sie ist die Sorte Frau, die immer bekommt, was sie will, betreibt Typologie. Es waere ausserordentlich schwierig, einen einzigen Tag zu leben, ohne Typologie zu betreiben, weil Typologie die Anwendung von Muster auf neue Erfahrung ist und die Anwendung von Muster auf neue Erfahrung die Art ist, wie Menschen die Welt navigieren.

Sprache selbst ist von Grund auf Muster

Sprache ist die grundlegendste Illustration des Punktes. Ein Wort ist ein auf Instanzen angewandtes Muster. Das Wort Baum bezieht sich nicht auf einen einzelnen Baum. Es bezieht sich auf ein Muster, einen Typus, dem unendlich viele einzelne Baeume als Exemplare entsprechen. Jeder Akt der Verwendung eines Wortes, einschliesslich jedes Leseakts, ist ein Akt typologischer Erkennung: Diese neue Instanz stimmt mit dem gespeicherten Muster ueberein, das mit diesem Laut oder Symbol verbunden ist. Grammatik ist ein auf neue Kombinationen angewandtes Muster. Ein Satz ist fuer einen Sprecher der Sprache verstaendlich nicht deshalb, weil der genaue Satz zuvor begegnet ist, sondern weil sein Strukturmuster als Instanz einer vertrauten Form erkannt wird.[9]

Lakoff und Johnsons konzeptuelle Metapherntheorie erweitert dies von der Syntax auf die Semantik. Nicht nur die Sprache ist durch Muster strukturiert; die Bedeutung von Woertern, besonders abstrakten Woertern, wird selbst durch Abbildungen aus konkreteren erfahrungsbezogenen Bereichen konstituiert. Das Wort Argument bedeutet, was es bedeutet, weil es durch den Quellbereich der Kriegsfuehrung strukturiert ist, einschliesslich der zu verteidigenden Positionen, der abzuwehrenden Angriffe und der zu gewinnenden Siege. Aendert man den Quellbereich, aendert sich das Konzept. Zu sagen, dass Sprache von Grund auf Muster ist, ist keine Metapher. Es ist buchstaebliche Kognitionswissenschaft.[3]

Die Implikation fuer die biblische Hermeneutik ist unmittelbar. Die Forderung, einen Text nur fuer seine urspruengliche und woertliche Bedeutung zu lesen, ohne typologische Erweiterung oder analogische Entwicklung, ist die Forderung, den Text anders zu behandeln als jeden anderen Sprachgebrauch in der Menschheitsgeschichte. Jeder Leser eines jeden Textes bringt eine Reihe von Mustern mit, die aus frueherer Lektuere, frueherer Erfahrung, frueheren Beziehungen gelernt wurden, und der Text spricht zu diesen Mustern, aktiviert sie, bestaetigt, untergaebt, erweitert sie. Eine Lektuere ohne Muster ist ueberhaupt keine Lektuere. Die einzige Frage ist, ob die zum Text mitgebrachten Muster geprueft und diszipliniert oder unbewusst und undiszipliniert sind.

Nah- und Fernerfuellung: Wie Menschen Ereignisse verstehen

Das hermeneutische Konzept der Nah- und Fernerfuellung, die Erkennung, dass ein Text eine unmittelbare historische Situation ansprechen und gleichzeitig ein Muster skizzieren kann, das in einer spaeteren Situation vollstaendiger realisiert wird, entspricht etwas Universellem in der menschlichen Erfahrung. Jedes bedeutende Ereignis in einem Menschenleben kann sowohl in seinen unmittelbaren Besonderheiten als auch in Begriffen des tieferen Musters verstanden werden, das es manifestiert. Ein Trauerfall ist dieser Tod zu dieser Zeit dieser Person und zugleich eine Instanz des alten, unvermeidlichen Musters des Verlustes, dem jeder Mensch begegnet und das in der Literatur, Musik und Religion jeder Kultur benannt und erforscht wurde.

Eltern verstehen die Entwicklungsphasen ihrer Kinder sowohl in ihrer besonderen Unmittelbarkeit als auch im Lichte der universalen Muster, die in der Kinderpsychologie, Literatur und ihrer eigenen Erinnerung dokumentiert sind. Aerzte verstehen die Erkrankung eines Patienten sowohl als die besondere Konstellation von Symptomen und Geschichte dieses Individuums als auch als Instanz eines bekannten Krankheitstypus, eines Musters, das zuvor beobachtet wurde und prognostische und therapeutische Implikationen traegt. Das Nah- und das Fernverstehen bereichern sich gegenseitig. Das Nahe ohne das Ferne ist unverstaendliche Besonderheit. Das Ferne ohne das Nahe ist leere Abstraktion.

Biblische Prophetie, die auf beiden Ebenen, nah und fern, operiert, tut, was jede bedeutende menschliche Aeusserung tut, wenn sie die tiefen Muster der menschlichen Erfahrung anspricht. Die Propheten, die in unmittelbare historische Krisen mit Sprache von kosmischer Reichweite hineinsprachen, vermischten nicht verschiedene Register. Sie sprachen so, wie ernsthafte Menschen immer sprechen, wenn sie Wirklichkeiten begegnen, die sowohl besonderes als auch universales Gewicht tragen. Und die Gemeinschaft, die spaeter in diesen Worten das Muster dessen erkannte, was in Christus geschehen war, hat den Text nicht verdreht. Sie hat ihn im vollsten Register gelesen, das der menschlichen Sprache zur Verfuegung steht.

Teil Vier: Das Argument zusammengefasst

Warum die grammatisch-historische Hermeneutik nicht allein stehen kann

Die grammatisch-historische, woertliche, kontextuelle Hermeneutik, die in der Reformation entwickelt und in der nachfolgenden protestantischen Gelehrsamkeit verfeinert wurde, ist eine echte intellektuelle Leistung. Ihr Beharren darauf, den Text in seinem historischen Kontext zu lesen, Woerter in ihrer grammatischen Funktion zu verstehen und die unmittelbare Absicht des menschlichen Verfassers ernst zu nehmen, war und bleibt ein wichtiges Korrektiv zu der unkontrollierten Allegorisierung, die zuweilen die fruehestere Exegese dominiert hatte. Dies sind gueltinge und notwendige Disziplinen. Keine verantwortungsvolle Schriftlektuere kann sie ignorieren.

Zu behaupten, dass die grammatisch-historische Lektuere die einzig legitime Lektuere ist, dass jede Erweiterung darueber hinaus in typologische, analogische oder spirituell angewandte Interpretation unzulaessig ist, ist jedoch zu behaupten, dass der biblische Text durch ein hermeneutisches Prinzip gelesen werden sollte, das kein Mensch auf irgendeinen anderen Text anwendet und das den tatsaechlich dokumentierten Mechanismen der menschlichen Kognition widerspricht. Es behandelt den biblischen Text als den einzigen Text in der Menschheitsgeschichte, der keine Bedeutungen ueber seinen unmittelbaren historischen Anlass hinaus tragen kann.

Noch schaedlicher ist, dass die literalistische Hermeneutik, konsequent auf die Verwendung des Alten Testaments durch das Neue Testament angewandt, ein unmoegliches Ergebnis erzeugt. Sie wuerde Matthaeus zu einem schlechten Leser von Hosea machen, den Verfasser des Hebraeerbrief’s zu einem schlechten Leser der Psalmen, Paulus zu einem schlechten Leser Abrahams und Jesus selbst auf dem Weg nach Emmaus zu einem schlechten Leser von Mose und den Propheten. Wenn der Massstab ist, dass ein Text nur das bedeuten darf, was sein urspruenglicher menschlicher Verfasser bewusst beabsichtigt hat, dann scheitert das Neue Testament an seinem eigenen Test auf fast jeder Seite. Dies ist keine Schwierigkeit fuer die typologische Hermeneutik. Es ist die Reductio ad absurdum der literalistischen Hermeneutik.

Innovation ohne Neuerfindung: Das Muster des intellektuellen Fortschritts

Ihre Beobachtung aus Ihrer Arbeit bei EarthwormExpress verdient es, als allgemeines Prinzip formuliert zu werden: Echte Innovation findet nicht im Sinne einer Erzeugung aus dem Nichts statt. Was wir Innovation nennen, ist die Erkennung eines alten Musters in einem neuen Kontext, die Verpflanzung einer strukturellen Loesung aus einem Bereich, in dem sie etabliert wurde, in einen Bereich, in dem sie benoetigt wird, der Fortschritt durch inkrementelle Variation eines geerbten Typus. Das ist Kuhns normale Wissenschaft. Das ist Hofstadters Analogie als Treibstoff des Denkens. Das ist der Mechanismus, durch den jede menschliche Kultur, jede wissenschaftliche Tradition, jede theologische Entwicklung, jede literarische Schule vorangeschritten ist.

Die darwinsche Einsicht kam nicht aus dem Nichts. Sie entlehnte das Modell des Wettbewerbsdrucks von Malthus und das Entwicklungsmodell vom Geologen Lyell und das Populations-denken von Tierz-uchtern und fugte sie zu einem neuen Muster zusammen. Die Newton’sche Mechanik entlehnte von Keplers planetarischen Mustern und Galileis terrestrischen Experimenten und Descartes’ geometrischem Rahmen. Die christliche theologische Tradition entlehnte von der platonischen Metaphysik, der aristotelischen Logik, der stoischen Ethik und der juedischen Schriftexegese und fuegte sie zu einem Muster zusammen, das genuinely neu war, weil es um ein Zentrum organisiert war, das keine dieser Traditionen besass: die Auferstehung eines bestimmten juedischen Mannes an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit.

Johannes’ Prolog ist der Paradefall. Er erfindet weder das Konzept des Logos noch die Gestalt der goettlichen Weisheit noch die typologische Lektuere von Genesis 1. Er nimmt all diese etablierten Muster und erkennt in ihnen die Form dessen, was mit Jesus von Nazareth geschehen war. Die Innovation ist die Erkennung der Erfuellung des Musters, nicht die Erfindung des Musters. Und so funktioniert aller echter intellektueller Fortschritt: nicht durch das Wegwerfen der Muster der Vergangenheit, sondern durch das Finden in einem neuen Ereignis oder einer neuen Entdeckung der Aufloesung von Mustern, die sich ohne Aufloesung angesammelt hatten.

Wie wir die Schrift lesen, so leben wir unser Leben

Die Schlussfolgerung kann nun mit voller Kraft formuliert werden. Die typologische Lektuere der Schrift ist keine spezielle hermeneutische Technik, die einer besonderen Rechtfertigung bedarf, weil sie von den normalen Operationen des menschlichen Geistes abweicht. Sie ist die Anwendung der normalen Operationen des menschlichen Geistes auf den Text der Schrift. Hofstadter und Sander zeigen, dass analogische Mustererkennung der Kernmechanismus aller Kognition ist. Lakoff und Johnson zeigen, dass alles abstrakte Denken durch konzeptuelle Abbildungen ueber Bereiche hinweg konstituiert wird. Jung und Campbell zeigen, dass die tiefsten Muster menschlicher Erfahrung kulturen- und jahrhunderteuebergreifend wiederkehren und als dasselbe Muster in neuen Instanzen erkannt werden. Kuhn zeigt, dass wissenschaftlicher Fortschritt selbst durch Musteranwendung und Musterwechsel voranschreitet, nicht durch neutrale Anhaefung.

Wir lesen die Schrift typologisch, weil wir typologisch denken. Wir erkennen Adam in Christus, weil wir Grossvaeter in Enkeln erkennen, weil wir die Form einer vergangenen Liebe in einem neuen Gesicht erkennen, weil wir das Muster des Verrats in einer neuen Freundschaft erkennen, weil wir die Jahreszeit im ersten Licht erkennen. Wir sprechen von Nah- und Fernerfuellung, weil menschliche Ereignisse immer sowohl ihr besonderes Gewicht als auch ihr Mustergewicht gleichzeitig tragen. Wir wenden die Worte eines historischen Moments auf die Bedingungen eines anderen an, weil Sprache selbst ein Mustersystem ist, und Muster sind genau das, was die besondere Instanz uebersteigt, die ihnen zuerst Form gab.

Die literalistische Hermeneutik fordert uns auf, die Bibel auf eine Weise zu lesen, wie kein Mensch irgendeinen anderen Text liest, auf eine Weise, die die Kognitionswissenschaft als falsche Beschreibung der tatsaechlichen Funktionsweise des menschlichen Verstehens erwiesen hat, und auf eine Weise, wie die biblischen Schriftsteller selbst ihr eigenes Schrifterbe offensichtlich nicht gelesen haben. Darauf zu bestehen als der einzig legitimen Methode ist keine intellektuelle Strenge. Es ist die Fehlanwendung einer erkenntnistheoretischen Theorie auf einen Bereich, in dem diese Theorie durch die Evidenz bereits widerlegt wurde.

Die typologische Lektuere hingegen liest die Bibel als menschliche Literatur, gelesen von menschlichen Geistern, das heisst als einen Text, der in der Lage ist, Muster zu tragen, tiefere Resonanz zu entfalten, an der ausserordentlichen menschlichen Taetigkeit teilzunehmen, dieselbe Wahrheit bei verschiedenen Gelegenheiten zu erkennen und in dieser Erkennung etwas mehr zu finden als das, was jede einzelne Gelegenheit allein enthielt. So lesen wir Literatur. So betreiben wir Wissenschaft. So navigieren wir persoenliche Erfahrung. Es ist, im grundlegendsten Sinne, wie wir leben. Und es ist, wie das Neue Testament darauf besteht, wie Jesus von Nazareth seine eigene Tradition auf dem Weg nach Emmaus las: mit Mose und allen Propheten beginnend, legte er ihnen aus in allen Schriften das, was ihn betraf.

Literaturverzeichnis

[1]  Hofstadter, Douglas R. und Emmanuel Sander. Surfaces and Essences: Analogy as the Fuel and Fire of Thinking. New York: Basic Books, 2013. Auch: Hofstadter, Douglas R. Goedel, Escher, Bach: Ein Ewiges Goldenes Geflecht. New York: Basic Books, 1979.

[2]  Polya, George. Schule des Denkens: Vom Loesen mathematischer Probleme. Princeton: Princeton University Press, 1945, S. 12. Auch zitiert in: ‘Analogical and Logical Thinking.’ IIIS Journal of Computing, SA584PX25.

[3]  Lakoff, George und Mark Johnson. Metaphors We Live By. Chicago: University of Chicago Press, 1980. Zitat von S. 3. Auch: Lakoff, George und Mark Johnson. Philosophy in the Flesh: The Embodied Mind and Its Challenge to Western Thought. New York: Basic Books, 1999.

[4]  Jung, Carl Gustav. Die Archetypen und das kollektive Unbewusste. Trans. R.F.C. Hull. Gesammelte Werke, Bd. 9, Teil 1. Princeton: Princeton University Press, 1969.

[5]  Campbell, Joseph. Der Heros in tausend Gestalten. 1949; 3. Aufl. Novato, CA: New World Library, 2008. Zitat: ‘Die Symbole der Mythologie sind nicht hergestellt; sie koennen nicht bestellt, erfunden oder dauerhaft unterdrueckt werden. Sie sind spontane Erzeugnisse der Psyche.’

[6]  Nersessian, Nancy J. Creating Scientific Concepts. Cambridge, MA: MIT Press, 2008. Ueber analogische Modellbildung bei Kepler. Auch: Springer Nature, ‘Analogy in Scientific Discovery: The Case of Johannes Kepler.’

[7]  Science History Institute, ‘August Kekule and Archibald Scott Couper.’ sciencehistory.org. Kekules eigene Darstellung in seiner Ansprache an die Deutsche Chemische Gesellschaft, 1890, Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 23:1265-1307.

[8]  Kuhn, Thomas S. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Chicago: University of Chicago Press, 1962; 2. Aufl. 1970. Auch: Stanford Encyclopedia of Philosophy, Stichwort ‘Thomas Kuhn,’ 2004.

[9]  Saussure, Ferdinand de. Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Trans. Roy Harris. London: Duckworth, 1983 [Original 1916]. Auch: Lakoff und Johnson (1980), a.a.O.